Der Tagesspiegel : „Wir fahren, so lange es noch geht“

Ende einer Berliner Tradition: Mit dem EU-Beitritt Polens am 1. Mai enden auch die Butterfahrten über das Stettiner Haff

Carolin Dieterich

Günter Baatz sieht aus dem Busfenster. Draußen ist es noch fast dunkel, aber der Berufsverkehr hat schon begonnen. Baatz lehnt sich zurück und nimmt einen Schluck aus der Bierflasche. Mit dem Berufsverkehr hat er schon lange nichts mehr zu tun. Vor zehn Jahren ist er in Frührente gegangen: Der harte Job als Fahrzeugbauer hat seine Spuren hinterlassen. Jetzt hat Baatz Zeit. Manchmal mehr, als ihm lieb ist. Deshalb setzt er sich dreimal die Woche morgens um sieben in den Doppeldeckerbus und macht einen Ausflug ins Grüne – auf Butterfahrt ins Stettiner Haff. „Da komm’ ich unter Leute“, sagt er.

Die meisten dieser Leute kennt er schon: Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich morgens am Alex trifft, um einen Tag an der polnischen Grenze zu verbringen. Leute, für die der Montag kein Werktag ist. Leute mit kleinem Geldbeutel, auf der Suche nach ein paar Stunden Abwechslung von der Langeweile. Im Bus gibt es ein fröhliches Hallo und Händeschütteln. Jemand hat seinen Lieblingsschlager aufgelegt. Es riecht nach Salamibrötchen. Baatz Stammplatz ist direkt hinter dem Fahrersitz. Die Ansagen von Busfahrerin Tina Tormann kennt er schon: Anschnallen bitte, keine Flaschen ins Gepäckfach, in einer Stunde gibt es eine Raucherpause. „Wir sind ein fröhlicher und friedlicher Bus“, verkündet Tormann durchs Mikrofon. „Wer sich nicht benimmt, geht zu Fuß.“ Das muss man schon mal hinzufügen. Die resolute Blondine kennt ihre Kundschaft.

Seit dreizehn Jahren veranstaltet die Berliner Firma Holiday Reisen die so genannten Einkaufsfahrten an die polnische Grenze – jeden Tag und das ganze Jahr über: Mit dem Bus geht es bis Ueckermünde, anschließend auf dem Dampfer durchs Stettiner Haff. An Bord: Zigaretten, Spirituosen, Parfums, die in der zollfreien Zone billig verkauft werden. Das ganze kostet 5,98 Euro. Mittagessen inklusive. Wer eine Stange zollfreier Zigaretten kauft, hat diesen Preis schon wieder drin.

Auch Baatz kauft regelmäßig Zigaretten – allerdings nicht für sich . „Ich hab alles, was ich brauche“, sagt er und lächelt, „die Stange ist für meine Wirtin aus der Stammkneipe.“ Die erstattet ihm dafür das Fahrgeld. Kaum einem hier geht es in erster Linie ums Einkaufen. Nicht der 83-jährigen Elisabeth, die bei der Butterfahrt einen Blick auf ihre alte Heimat in Pommern werfen will. Nicht dem Ehepaar Czaplinski, das einfach keine Lust hat, den ganzen Tag fern zu sehen. Und auch nicht dem Frührentner Werner, der seinen beeindruckenden Bauch hinter den kleinen Tisch im Bus geklemmt hat und mit seinen Freunden auf das Leben anstößt. Die vier haben sich bei den Butterfahrten kennen gelernt. Jetzt treffen sie sich ein paarmal im Monat für eine Tour ins Stettiner Haff. „Wir wollen einfach zusammen Spaß haben“, sagt Werner. „Wir quatschen und quatschen – so geht die Zeit ganz schnell vorbei.“

In Ueckermünde steigt die ganze Gesellschaft auf den Dampfer um: „Ute, die Gute“ heißt das Schiff bei den Stammgästen. Innen läuft die gleiche Schlagermusik wie im Bus. Es gibt eine lange Theke und ein paar Flipperautomaten. Günter Baatz hat seine Besorgungen im kleinen Supermarkt unter Deck schnell erledigt. Außer den Zigaretten steckt diesmal noch eine Packung Kekse in der Tüte: „Für die Freunde aus der Stammkneipe“, sagt Baatz. Eine polnische Wurst gibt es gratis dazu – als Gastgeschenk der Reederei.

Vor der polnischen Hafenstadt Swinemünde hält das Schiff nur kurz. Niemand steigt aus, noch nicht einmal, um sich die Füße zu vertreten. Das Ehepaar Czaplinski schnappt frische Luft an Deck und sieht hinüber, zu den Industriecontainern der Hafenanlage. Da drüben, in Polen, haben die Czaplinskis einmal Urlaub gemacht. Ansonsten ist es für sie ein fremdes Land. Und wenn Polen ab Mai 2004 zur Europäischen Union gehört und die zollfreie Zone wegfällt? „Dann ist Schluss mit den Fahrten und es bleibt nur noch das Fernsehen“, sagt Erich Czaplinski und ringt sich ein Lächeln ab. „Ich frage mich nur, was dann aus den ganzen Schiffen wird.“

Butterfahrten und Binnenmarkt – das verträgt sich nicht. Zwar wird es noch Ausflugstouren geben. Aber die Reederei wird ihre Preise um ein Vielfaches heben müssen, weil die Einnahmen aus dem Duty-Free-Einkauf wegfallen. Ein Verlust, den nicht nur die Stammgäste und das Busunternehmen Holiday-Reisen spüren werden. Das ganze Stettiner Haff befürchtet, Touristen und Arbeitsplätze zu verlieren. Die Region hatte sich seit der Wende am Rand des Binnenmarktes gut eingerichtet. Über zwanzig Schiffe transportieren jährlich etwa eine Millionen Passagiere. „Wenn es den zollfreien Einkauf nicht mehr gibt, wird das für uns das Ende“, sagt der Zahlmeister an Bord der „Ute“, Thomas Köhn: „Wir werden einen Großteil unserer Leute entlassen müssen.“

Werner und seine Freunde wollen sich die Laune von solchen Aussichten nicht verderben lassen: „Wir fahren, so lange es geht und so lange wir es uns leisten können.“ Die Stimmung steigt von Bier zu Bier, das Lachen wird lauter und durch den dicken Zigarettenrauch tönen die ersten Seemannslieder. Zurück in Ueckermünde warten die Zollbeamten schon vor den kleinen Containerhäuschen an der Grenze. Die Herren in Uniform lächeln freundlich – man kennt sich. Die zierlichen alten Damen lassen sie meist passieren, bei den Männern mit prallen Taschen und aufgeplusterten Anoraks gucken sie genauer hin. 200 Zigaretten, eine Flasche Alkohol – mehr ist pro Person nicht drin. „Viel wird hier nicht geschmuggelt“, sagt der Zollbeamte Sven Glodeck. Auch heute haben die Kollegen nur ein paar Zigaretten zu viel erwischt.

Die Busfahrerin Tina ist froh: Keine Probleme am Zoll, keine Alkoholleichen, sie kann pünktlich nach Berlin starten. Im Bus geht die Feier geht weiter: Von Müdigkeit keine Spur – es wird gesungen und geklatscht, bis der Alex wieder in Sicht ist. Günter Baatz lächelt still und zufrieden. „Übermorgen“, sagt er, „bin ich wieder dabei.“

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