Der Tagesspiegel : „Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie“

Die Cargolifter-Aktionäre sollen noch mal draufzahlen

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Von Claus-Dieter Steyer

Cottbus/Brand. Das Schicksal des Luftschiffbauers Cargolifter steht nach wie vor auf der Kippe. „Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie“, sagte der Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning nach der gestrigen Gläubigerversammlung in Cottbus. Ende Oktober solle eine endgültige Entscheidung über das seit Juni zahlungsunfähige Unternehmen getroffen werden. Eine völlige Pleite kann laut Mönning nur durch zwei Dinge verhindert werden: Die 72 000 Aktionäre bringen noch einmal mindestens 20 Millionen Euro auf und der zu einer Zusammenarbeit bereite britische Luftschiffbauer ATG (Advanced Technologies Group) erweist sich als seriös und finanzstark.

Diesem Konzept Hoffnung stimmten gestern die 198 Gläubiger der auf dem früheren Flugplatz in Brand bei Lübben beheimateten Aktiengesellschaft zu. Die Gesamtsumme ihrer Forderungen beläuft sich auf fast 76 Millionen Euro, wobei auf die Brandenburger Investitionsbank rund 52 Millionen entfallen. Sie verwaltet die Landes- und Bundesmittel für Cargolifter.

Insolvenzverwalter Mönning wollte sich auf die Erfolgsaussichten seines Konzeptes nicht festlegen. „Die Stimmung bei den Aktionären schwankt zwischen Enthusiasmus und Skepsis“, sagte er. „Aber wenn sie ihr schon eingezahltes Geld retten wollen, müssen sie einfach noch einmal investieren.“ Mindestens 250 Euro muss jeder zahlen, denn bei dieser Summe beginnt die Stückelung der so genannten Teilschuldverschreibung. Sie umfasst insgesamt 45 Millionen Euro. „Ohne das Geld der Aktionäre brauchen wir bei der Bundes- und Landesregierung oder der EU erst gar nicht um weitere Unterstützung nachzufragen“, erklärte Mönning. Falls bis Ende Oktober oder Anfang November tatsächlich die gewünschten 45 Millionen Euro zusammenkommen, wolle er die gleiche Summe beim Bund beantragen.

Allerdings stehen die Chancen schlecht. Aktien von Cargolifter werden schon lange wie Sauerbier angeboten. Rettungsversuche von engagierten Aktionären brachten nicht den gewünschten Erfolg. Als Erfolgsmeldung verkaufte Vereinbarungen mit Boeing erwiesen sich lediglich als Absichtserklärungen, so dass das Vertrauen in das Unternehmen drastisch gesunken ist. Auch das kürzlich als „Trumpfkarte“ bezeichnete Abkommen mit der britischen Firma ATG steht auf wackligen Füßen. Der in recht windschiefen Hallen werkelnde Betrieb soll selbst zahlungsunfähig sein.

„Die haben aber ein vor der Zulassung in Großbritannien stehendes kleines Luftschiff für Werbezwecke und die Pilotenausbildung“, sagte der neue Cargolifter-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Schneider. „Es könnte in unserer Halle ab Anfang nächsten Jahres endmontiert werden und der Auftakt für eine weitere Zusammenarbeit sein.“ Falls es dazu komme, wäre in zwei bis zweieinhalb Jahren die Fertigung eines von britischen Ingenieuren entwickelten Luftschiffes für Lasten bis 24 Tonnen möglich. Danach könnte sich Cargolifter auch wieder dem eigenen Aircran für 75 Tonnen widmen. Selbst das einst für 2004 geplante riesige Luftschiff für den Transport von 160 Tonnen schweren Lasten, habe man noch nicht aus dem Auge verloren, teilte Schneider mit. „Doch ohne staatliche Förderung passiert nichts“, sagte der Luftfahrtexperte.

„Wir brauchen endlich vermarktbare Produkte“, meinte der Betriebsratsvorsitzende Mathias Flörsch. „Deshalb denken wir jetzt sehr kurzfristig. Nur wer etwas vorzeigen kann, findet auch Interessenten.“ Nach seiner Rechnung könnten rund 300 der einst mehr als 500 Arbeitsplätze in Brand erhalten bleiben, wenn das Geld tatsächlich fließe.

Auch Vorstandschef Schneider will bei einem Neuanfang schnell produzieren. Die alte Cargolifter-Führung habe zu stark auf Visionen gesetzt. „Die hat reihenweise Uni-Absolventen mit tollen Ideen eingestellt, aber auf Praktiker verzichtet.“

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