Der Tagesspiegel : „Wir können Berge versetzen“

Weniger Infektionen, weniger Tote: Beim Kampf gegen Aids zeigen sich Erfolge

Hartmut Wewetzer
242268_3_xio-fcmsimage-20081130163633-006000-4932b301b03de.heprodimagesgrafics87120081201wiss_aids-weltkarte2007.jpeg

Eigentlich ist der Aids-Spezialist Peter Piot eher ein Mann für schlechte Nachrichten. Der scheidende Chef von Unaids, dem Anti-Aids-Programm der Vereinten Nationen, beklagt seit vielen Jahren die politischen und sozialen Hindernisse beim Kampf gegen die Immunschwächekrankheit. Aber Piot sieht mittlerweile auch Grund für Optimismus. Für ihn ist klar, dass sich das globale Engagement beim Kampf gegen Aids auszuzahlen beginnt. Es gebe Grund zum Feiern, teilte er aus Anlass des heutigen 20. Welt-Aids-Tages mit: „Weltweit werden weniger Menschen mit dem Immunschwächevirus HIV infiziert und weniger Menschen sterben an Aids. Endlich.“

Laut Unaids steckten sich 2001 rund drei Millionen Menschen mit dem Aids-Erreger HIV an, 2007 waren es noch 2,7 Millionen. Die Zahl der Aids-Todesopfer verringerte sich von 2,2 Millionen im Jahr 2005 auf zwei Millionen im letzten Jahr. Piot weist darauf hin, dass in den letzten fünf Jahren fast vier Millionen Menschen in den Entwicklungsländern Zugang zu Aidsmedikamenten erhielten. Und er hebt hervor, dass die Vorbeugungsprogramme wirken und sich weniger Menschen mit HIV infizieren. „Wir können Berge versetzen“, sagt Piot.

Auch aus Deutschland kommen positive Signale. Die Bundesbürger seien über die Gefahren einer HIV-Infektion gut informiert, sagt Elisabeth Pott, Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Zu Beginn einer Beziehung benutzten 80 Prozent Kondome.

Von einer Stabilisierung der Zahl an Neuinfektionen spricht das Berliner Robert-Koch- Institut. 2008 haben sich schätzungsweise 3000 Menschen neu mit HIV infiziert, ähnlich viele wie 2007. Allerdings ist das ein Anstieg um 50 Prozent, vergleicht man die Zahlen mit denen aus den 1990er Jahren. Damals waren jedes Jahr etwa 2000 Neuinfektionen gemeldet worden. Insgesamt leben in Deutschland etwa 63 500 Menschen mit HIV oder sind aidskrank.

Warum infizieren sich jedes Jahr Tausende, wenn doch das Risiko angeblich so gut bekannt ist? Verdrängung, Gleichgültigkeit und Leichtfertigkeit gehören zu den Ursachen. Und die Tatsache, dass viele gar nicht wissen, dass sie bereits HIV-infiziert sind. Sie stecken unwissentlich andere an. „Manche dieser Menschen kommen erst in die Praxis, wenn sie bereits Aids haben“, berichtet Jürgen Rockstroh, Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft.

Rockstroh möchte, dass sich mehr Menschen auf HIV testen lassen, er will den Zugang zu Tests vereinfachen und bei verdächtigen Krankheiten wie Gürtelrose oder einer Pilzerkrankung im Mund einen Test auf HIV veranlassen.

In Deutschland sind Einwanderer nach Homosexuellen inzwischen die zweitgrößte Gruppe unter den HIV-Positiven. Viele von ihnen wissen nicht, dass sie infiziert sind, viele weichen etwa aus Angst vor Stigmatisierung oder Ausweisung einer Behandlung aus. Hinzu kommt Unwissenheit: „Ein großer Teil der Afrikaner ist in den Heimatländern mit der Propaganda aufgewachsen, Aids sei eine Erfindung der Amerikaner und der Europäer, um den Afrikanern die Freude an der Sexualität zu nehmen“, schreibt der Berliner Aids-Spezialist Jörg Gölz in der „Münchener Medizinischen Wochenschrift“. Weit verbreitet seien in Afrika auch „magische Erwartungen: So müsse der HIV-infizierte Mann nur eine Frau entjungfern, damit das Virus den Körper verlassen kann und er geheilt ist.“

Für die Behandlung der HIV-Infektion gibt es wirksame Medikamente. Sie bekämpfen das Virus an verschiedenen Stellen in seinem Vermehrungszyklus. So verhindern sie, dass das Virus sich an die Oberfläche der Zelle heftet, mit der Zellmembran verschmilzt und sein Erbgut in das der Zelle überträgt. Oder sie blockieren die Produktion neuer Viren.

Der Aids-Experte Rockstroh schätzt, dass es bei 80 Prozent der Infizierten gelingt, den Erreger im Blut „unter die Nachweisgrenze“ zu drücken. „Hochaktive antiretrovirale Therapie“ („Haart“) heißt die Form der HIV-Behandlung, bei der das Virus mit mehreren Wirkstoffen gleichzeitig aggressiv angegangen wird. Nachdem man zwischenzeitlich von einer frühzeitigen „Haart“ abgekommen war, geht der Trend dank besserer Präparate heute wieder zu dieser Therapie. Außerdem ist eine unbehandelte HIV-Infektion eine schwelende, chronische Entzündung, die den Körper schneller altern lässt, erläutert Rockstroh. HIV-Infizierte bekommen eher Gefäßverkalkung (Arteriosklerose), erleiden früher Herzinfarkte und erkranken häufiger an Krebs.

Auch wenn die Medikamente die Viren aus dem Blut vertreiben – bislang gelingt es nicht, HIV völlig aus dem Körper zu eliminieren. Der Erreger überdauert in langlebigen Zellen. „Ich halte es für unwahrscheinlich, dass wir in den nächsten 30 Jahren eine echte Heilung von HIV erleben werden“, sagt Rockstroh.

Und noch ein zweiter Wunschtraum ist unerfüllt: ein Impfstoff. Immer wieder sind Anläufe für eine Impfung gescheitert. Das Hauptproblem ist, dass das Virus rasch mutiert und damit den Fängen der Immunabwehr entkommt. Wie ein Ganove, der sein Äußeres ständig ändert und so für die Polizei „unsichtbar“ ist.

„Es gibt noch viele Berge, die wir versetzen müssen“, sagt der Aids-Experte Piot.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben