Der Tagesspiegel : "Wir werden besser als Sylt"

CLAUS-D.STEYER

Bad Saarow läßt sich auf dem Weg zum Kurort am "Märkischen Meer" nicht aufhaltenVON CLAUS-D.STEYER Bad Saarow. "Bad Saarow wird das Sylt von Brandenburg".Immer wieder wird Kurdirektor Christian Kirchner auf diesen Satz angesprochen.Ein Minister der Landesregierung soll den Slogan schon vor einigen Jahren nach einem Abstecher zum Scharmützelsee in die Welt gesetzt haben.Der Kurdirektor schüttelt auf die Frage nach dem Wahrheitsgehalt dieses Spruches überraschend den Kopf: "Der Satz stimmt nicht.Wir werden besser als Sylt". Lächelnd holt Kirchner ein dickes Buch aus seiner Schublade."Das ist unser Konzept, unsere Erfolgsgarantie, unser ganzes Kapital - der Kurortrahmenplan." Auf 217 Seiten wird hier jede Einzelheit des traumhaft schönen Fleckens südöstlich Berlins beschrieben: Geschichte, Gegenwart, Zukunft.Das Mitte 1994 einstimmig vom Gemeinderat beschlossene Werk gilt heute fast als geheime Verschlußsache.Für die Öffentlichkeit gibt es nur eine allgemeine Kurzfassung.Der Vorsprung gegenüber den anderen Brandenburger Kurorten soll nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden, heißt es von Bürgermeister Axel Walter. Diese Befürchtung scheint allerdings unbegründet zu sein.Auch wenn sich Templin, Buckow in der Märkischen Schweiz oder die Waldsiedlung in Bernau noch soviel Mühe geben, gegen den Charme und die Tradition von Bad Saarow werden sie nicht ankommen.Das hat schon frühzeitig die Landesregierung erkannt.73 Millionen Mark machte sie bisher für den 4000-Seelen-Ort locker, mehr als anderswo."Wenn Bad Saarow nicht klappt, brauchen wir uns auch in anderen Orten keine großen Hoffnungen zu machen", heißt es denn auch im Landesverband für Fremdenverkehr.Sicher sind damit ebenso die häufigen Besuche von Regierungschef Stolpe am "Märkischen Meer" zu erklären. "Wir haben nicht den Fehler gemacht, die Landeszuschüsse einfach zu verpulvern", sagt Kurdirektor Kirchner."Mindestens das Zehnfache an Investitionen mußten wir daraus auslösen." Zwei gemeindeeigene Gesellschaften würden Planungen übernehmen, bei Grundstückskäufen helfen, Geld bei Land, Bund und der EU besorgen und selbst Bauprojekte starten.Das gesetzte Ziel wurde weit übertroffen.Das Gesamtkonzept für Bad Saarow ist 1,2 Milliarden Mark schwer.Damit steht der Ort, bezogen auf seine Größe, beispiellos im Osten Deutschlands da.1000 neue Arbeitsplätze werden erwartet.1998 soll alles fertig sein. Die Hälfte dieser Riesensumme entfällt auf den Sporting Club Berlin.300 Hektar erstklassiger Lage hat sich der Club, dessen Baugeschäfte wesentlich die österreichische Bauholding AG Spittal dirigiert, gesichert.Am See-Ufer wird das 200-Zimmer-Hotel der Kempinski-Gruppe für die Eröffnung am 1.Mai vorbereitet.Nebenan stehen mehrere Dutzend Eigentumswohnungen zum Verkauf.Reger Betrieb herrscht bei schönem Wetter schon auf den beiden Golfplätzen.Ein dritter kommt in diesem Jahr hinzu, jener von Bernhard Langer.Die Reithalle von Olympiasieger Alwin Schockemöhle wird bis Mai ebenso fertiggestellt wie der Yachthafen. "So ein Großinvestor wie der Sporting Club ist einerseits ein großer Glücksfall, kann aber andererseits abhängig machen", meint der Kurdirektor."Doch Wildwuchs lassen wir nicht zu.Dafür sorgt schon unser Kurortrahmenplan." Hier seien die 15 Kilometer, auf denen sich Bad Saarow um den nördlichen Teil des Scharmützelsees herumzieht, genau eingeteilt.Jugend- und Familienerholung habe ebenso ihren Platz wie ruhiges Wohnen, Hotels und der Seminar- und Gesundheitstourismus.Investoren wüßten so gleich, wo und wie sie bauen dürfen. Christian Kirchner ist Profi im Kurgeschäft.Jahrelang führte er die Geschäfte in Bad Orb, ehe er nach der Wende auf die "schlummernde Perle" aufmerksam wurde.Zuerst nur nebenbei, lenkt er ab 1.1.1996 hauptberuflich die Geschicke von Bad Saarow."Allerdings immer gemeinsam mit dem Bürgermeister Walter.Wir sind ein echtes Ost-West-Gespann mit allen Ecken und Kanten, aber auch Chancen", meint Kirchner.Alle Fehler westdeutscher Kurorte sollen hier vermieden werden, an eine Kopie ist nicht gedacht.Umwelt und der See bleiben wichtigstes Kapital.Davon schwärmten schon Max Schmeling, Maxim Gorki oder Johannes R.Becher.Einige recht ungewöhnliche Schritte sollen dieses wichtigste Pfund sichern.So bleibt der Uferwanderweg trotz der Wünsche vieler Eigentümer für jedermann offen.Die Einwohnerzahl steigt nicht unermeßlich, sondern wird auf 6000 begrenzt.Die neuen Bewohner der alten Villen aus den zwanziger und dreißiger Jahren und selbst alte Einwohner müssen sich sogar verpflichten, ihre Vorgärten nicht durch Zäune abzugrenzen. Die Einwohner von Bad Saarow wissen bei einer kleinen Testumfrage erstaunlich gut über das Baugeschehen im Ort Bescheid.Regelmäßige Versammlungen und eine eigene Zeitung der Kur- und Fremdenverkehrs GmbH halten die Leute auf dem Laufenden.So wissen sie, daß am 15.Dezember 98 das Thermal-Sole-Bad eröffnet wird, der neue Kursaal von allen Plätzen einen Blick auf den See gestattet, und Bauleute derzeit das fast fünf Jahrzehnte von der russischen Armee genutzte Moorbad von 1914 zum Haus des Gastes herrichten.Auf dem Gelände der früheren Kasernen entsteht ein öffentliches Freizeitzentrum. In diesem Frühjahr werden sich an 25 Plätzen Kräne drehen.Die Übernachtungskapazität steigt von jetzt 1000 auf 4000, wie schon zu DDR-Zeiten.Damals standen die meisten Betten jedoch in Betriebs- und Ferienheimen."Heute wollen wir Hotels und Pensionen in allen Preisgruppen anbieten.Bad Saarow soll ein liebenswerter und lebenswerter Ort werden, eben viel schöner als Sylt", sagt der Kurdirektor.

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