Der Tagesspiegel : Wir Wettermacher

Nun wird’s heiß: Der Mensch dreht am Thermometer. Überlegungen zum neuen Klimaismus

Kai Müller

Aqqaluk Lynge, grönländischer Ex-Minister und Sprecher der größten Inuit-Organisation, wohnt in Nuuk nur wenige Minuten vom nächsten Flughafen entfernt, vorausgesetzt, sein Schneemobil springt an. Von London-Stansted trennen Lynge 3200 Kilometer Luftlinie. Trotzdem hat er sich jetzt gegen eine Erweiterung des dortigen Flughafengeländes ausgesprochen und in einem „Independent“-Artikel auf die Zerstörung seiner Heimatdörfer und das Schwinden der Jagdgebiete hingewiesen, die dem polaren Volk als Lebensgrundlage dienen. „Man kann einwenden“, fährt Lynge fort, „dass der Ausbau von Stansted nur eine kleine Rolle im zunehmenden Klimawandel spielt, aber jeder kann das über fast alles sagen, was geschieht. Es ist eine Entschuldigung, um nichts zu tun.“

Ein Gespenst geht um in der Welt, es ist das Gespenst des Klimaismus. Hatte die Chaostheorie Mitte der achtziger Jahre noch als ulkiges Alles-hängt-mit-allem-zusammen-Denken vor allem akademisch- versponnene Gemüter umgetrieben, setzt das Thema nun gewaltige Menschenmassen in Bewegung. Heute in Rostock, wo sich die Gegner des G8-Gipfels treffen; in der kommende Woche auf einem Sternmarsch nach Heiligendamm, wo die Häupter der größten Luftverpester-Staaten an ihre globale Verantwortung erinnert werden sollen. Und in vier Wochen steht Al Gores „Live Earth“-Spektakel an, das den Klimaschutz mit einer Phalanx an Superstars als weltumspannendes Medienereignis inszeniert. „Save Our Selves“ (SOS) heißt Gores neue Umweltorganisation, von der man noch nicht weiß, ob sie Öko-Mafia, Medienflop oder Massenbewegung wird.

Das Thema ist in Mode. Menschen, die nicht einmal wissen, wie Wolken entstehen, diskutieren über die globalen Zusammenhänge des wohl komplexesten Erdgeschehens, das es gibt. Seit der jüngste Bericht des Weltklimarats einen dramatischen Anstieg der Erderwärmung in diesem Jahrhundert um bis zu 6,4 Grad vorausgesagt und dafür den Ausstoß industrieller Kohlendioxid-Gase verantwortlich gemacht hat, ist ein ungewöhnlicher Tatwillen auf die Politik übergesprungen. Plötzlich scheint kein Hirngespinst mehr, was Unterhaltungsapokalyptiker wie Regisseur Roland Emmerich („The Day After Tomorrow) oder Bestseller Autoren wie Frank Schätzing („Der Schwarm“) und Michael Crichton („Welt in Angst“) bildmächtig fantasiert hatten. Das Klima tritt aus seiner Öko-Nische. Waldsterben, Smogalarm und Giftmüll – das war nur die Ouvertüre. Plötzlich kann selbst der Ausbau eines mittelgroßen Flughafens wie Stanstedt, der in den letzten Jahren zum Drehkreuz der Billigfliegerflotten geworden ist, zur globalen Schlacht um Biotope werden.

Klima, Klima! War das nicht schon immer da, mag mancher stöhnen. Doch auch Arbeit gab es lange, bevor Marx deren gesellschaftliche Sprengkraft ermittelte und die Selbstzerstörung des einseitig auf Ausbeutung zielenden Systems für unabwendbar hielt. Steht die Weltkommune wieder an der Schwelle einer kopernikanischen Wende? Wir haben Kommunismus, Faschismus, Sozialismus und Idealismus überstanden. Folgt nun der Klimaismus? Wie wirkt sich die Vermessung der Biosphäre auf unseren Welt-Begriff aus? Und worauf verlassen wir uns überhaupt, wenn ein Anstieg des Meeresspiegels von einem Meter vorausgesagt wird?

Zahlen sind in der Klimadebatte in etwa so hilfreich wie in der Astronomie: Sie übersteigen das normale Vorstellungsvermögen. Wer kann schon die Menge von 28 Milliarden Tonnen Kohlendioxid ermessen, die nach Angaben der Internationalen Energiebehörde jährlich in die Atmosphäre geblasen werden? Ziemlich klein nehmen sich dagegen die 0,04 Prozent aus, mit denen der Stoff nach neuesten Schätzungen die Luft bereits belastet. Und wie viel sind 235 Kubikkilometer Eis, die jedes Jahr unwiederbringlich aus dem grönländischen Festlandeis herausgeschmolzen werden? Sicher ist nur: die Durchschnittstemperatur der Erdatmosphäre steigt; seit 1850, dem Beginn verlässlicher Messungen, um 0,76 Grad. Die Folge: Wetterphänomene wie Stürme, Dürreperioden und Niederschläge nehmen an Dauer und Intensität zu.

Das Vertrauen der Menschen in die Politik, die all das verhindern soll, ist frappierend. Dass man einer Führungselite, die nicht einmal die Kosten ihres eigenen Apparats in den Griff kriegt, zutraut, als Wettermagier zu fungieren, ist entweder beschämend dumm – oder ein Zeichen höchster Not. Denn welche Alternative zum Umlenken gibt es? Die Faktenlage zwingt technisch hoch entwickelte Gesellschaften, die sich freilich außerstande sehen, ihre demografische Entwicklung, ihren Arbeitsmarkt oder das soziale Gefälle zu steuern, sich mit einem Problem höherer Ordnung zu befassen. Nichts weniger als die „dritte industrielle Revolution“ wird von ihnen erwartet, wie Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung sagt. Während die Wirtschaftskraft weiter prosperiert, soll ihr Schmutzanteil um die Hälfte gesenkt werden.

Wie soll das gehen? Können wir dieselben Menschen bleiben, wenn sich um uns herum alles verändert? Und wie hoch muss der Leidensdruck werden, damit sich etwas ändert?

Noch wird der Prozess zur Abwendung des Klima-GAUs nicht Revolution genannt, aber er trägt bereits deren Züge. Mit einer bloßen Modernisierung ist es nicht getan. Das Kyoto-Protokoll gilt als „nahezu irrelevant“ (Schellnhuber), was die physikalischen Auswirkungen dieser Selbstbeschränkung anbelangt. Es stellt einen symbolischen Akt dar. Doch sein Wiederhall schwappt durch den völkerrechtlichen Klangraum, wo sich ein neues politisches Subjekt formiert: Der Weltbürger als Klimaakteur, der sogar das Wetter macht.

Doch nur im Kollektiv gelingt der Paradigmenwechsel. Selbst die bestgemeinte Einzelaktionen bringt nichts. Die westlichen Wohlstandsstaaten sitzen in der „Klimafalle“ (Schellnhuber). Ohne die Hilfe der Schwellenländer kommen sie da nicht heraus. Denn solange industrielle Emissionshöllen wie China und Indien ihren wachsenden Energiebedarf mit fossilen Brennstoffen decken, nutzt grüner Ehrgeiz in Europa wenig. Umverteilungskämpfe, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, dürften die Folge sein.

Das Klimaproletariat findet sich derweil in den ungeschützten Randzonen von Armutsregionen, in denen selbst bis in die Neuzeit hinein archaische Lebensformen erhalten geblieben sind. Die Inuit sind die Ersten, die den Klimawandel als Katastrophe erleben. „Wir sind die Kanarienvögel in der globalen Kohlenmine“, sagt ihr Sprecher Lynge. Dabei ist keineswegs ausgemacht, ob der Klimawandel Lebensräume wie den der Inuit unbewohnbar macht. Oder ob nur deren Anpassungsfähigkeit gefordert ist. Eskimostämme werden auch in Grönland leben können, wenn es wirklich wieder zu jenem „grünen Land“ werden sollte, das die Wikinger um 1100 schon einmal besiedelten. Damals war sogar Viehwirtschaft auf großen Bauernhöfen möglich. Erst die „kleine Eiszeit“ ließ diese Kultur vor vierhundert Jahren zusammenbrechen. Es liegt an der zivilisatorischen Flexibilität, ob Gesellschaften das Ende des Holozäns mit seinen stabilen Klimabedingungen überstehen.

Der Globus kennt radikalere Klimalagen als die, die nun heraufbeschworen werden. Aber früher wusste man die Schwankung nicht in volkswirtschaftliche Folgekosten umzurechnen. Auf 5,5 Billionen schätzt der ehemalige Chefvolkswirt der Weltbank, Nicholas Stern, die Folgekosten des Treibhauseffekts. Ein Fünftel der materiellen Wertschöpfung wäre damit gebunden. In Sterns Augen ist der Klimawandel „das größte Marktversagen, das es je gab“. Was allerdings nicht heißt, dass er das Problem nun andere regeln lassen will. Der Ökonom appelliert vielmehr an die liberalen Selbstheilungskräfte, indem er der Industrie die Umwelt als einträgliches Geschäftsfeld empfiehlt.

Doch die Industrieländer tun sich schwer mit einem Kursschwenk, der ein Prozent ihres Bruttosozialprodukts verschlingt. Dass dieser Aufwand in Kürze schon unbezahlbar sein wird, setzt, um zu agieren, mehr Intelligenz voraus, als Kollektive haben. Erst wenn es einen Klimamarkt gibt, auf dem Emissionsanteile Geld einbringen, lohnen sich die Investitionen. Am Ende, wer sagt’s denn, wird der Weltbürger sich am Klima noch bereichern wollen.