Wirtschaft : 00 - ein guter Jahrgang (Leitartikel)

Heik Afheldt

In dem großen Neujahrskonzert von Millionen von knallenden Sekt- und Champagnerkorken, von knatterndem Feuerwerk zur Begrüßung des magischen Jahres 2OOO haben viele den wichtigsten Knall vermutlich gar nicht gehört: Die Wirtschaft ist los. Der Pfropfen, der die so leistungsfähige und leistungsbereite Wirtschaft in Deutschland lange Jahre in eine beengende Flasche gezwängt hat, ist endlich draußen. Da war ein richtiger Ruck nach vorne.

Die Chancen, dass er lange wirkt und Deutschland im Jahr 2OOO von den beschämenden hinteren Plätzen endlich wieder in die vorderen Ränge der europäischen Liga für Dynamik und Wachstum bringt, sind so gut wie selten zuvor. Gerhard Schröder kann mit Optimismus in das neue Jahr gehen. Mit der ersten Tranche der Steuerreform hat er nicht nur Banken und den Unternehmern eine - unerwartete - Freude gemacht. Sie ist ein Geschenk für die gesamte deutsche Wirtschaft und damit auch für die Bürger dieses Landes. Von mehr Wohlstand und mehr Arbeitsplätzen haben alle etwas - wenn auch nicht alle gleich viel. Die Börsen haben am ersten Handelstag des neuen Jahres das Leitmotiv schon einmal geprobt. Auch wenn manche Töne zu schrill herauskommen und manche Kurssteigerungen womöglich übertrieben sind, die ganze Richtung stimmt optimistisch.

Dass die Computer der Börsenhändler am Montag wie gewohnt ansprangen, hat das Geschäft auf dem Parkett zusätzlich beflügelt. Hinzu kommt: Mehr und mehr wird deutlich, wie freundlich die Steuerpläne der Bundesregierung mit dem Privatanleger umgehen. So viel Verständnis für den Spekulanten hätten dieser Bundesregierung die wenigsten zugetraut. Die größten Kursgewinne erringen seit Wochen die Werte am Neuen Markt, die Technologie-Wunderkinder, die kleinen beweglichen Unternehmen. Die Anleger geben denen Kapital, die etwas Mutiges damit versuchen, selbst auf die Gefahr des Scheiterns. Risikokapital zur Finanzierung solcher Unternehmungen ist in Deutschland unterdessen in ausreichendem Maße vorhanden. Aber selbst Kurse der alten Industrie entwickeln sich prächtig, wenn - wie bei Siemens - die Chancen unternehmerischer Neuorientierung ergriffen werden. Die Aktien der Großbanken und Versicherungen profitieren von den Plänen des Finanzministers, der den Finanzinstituten die Steuern auf Veräußerungsgewinne erlassen will.

Das alles sind Voraussetzungen für kräftiges Wachstum. Alle Auguren sind sich einig, dass es diesmal für ein Plus von gut zweieinhalb Prozent beim Bruttoinlandsprodukt reichen wird. Das ist nach den traurigen 1,4 Prozent des 99er Jahrgangs ein weiter Sprung. Und vermutlich wird er sogar noch kräftiger ausfallen. Die Wirtschaftsforscher waren immer schon Gefangene der Vergangenheit, wenn es um ihre Vorhersagen ging. Sie versagen in den Kurven. Sie haben die Ab- und Aufschwünge regelmässig zu gering eingeschätzt. Fast alles spricht dafür, dass das neue Jahrhundert mit einer stolzen Drei vor dem Komma neue Orientierungsmarken setzt.

Das wird auch dem Arbeitsmarkt gut tun. Neue, zusätzliche Jobs braucht das Land - und es könnte sie haben. Im Handel, bei den Dienstleistungen aber auch wieder in der Industrie - wo das Land mit Innovation und Qualität wieder ganz vorne mitspielt im internationalen Konzert. Der Export läuft heute schon wieder prächtig. Innerhalb des Eurolandes wird er durch keine Kursunsicherheit gebremst. Und solange Amerikaner weiter so gut wirtschaften, wird auch der Euro im Vergleich zum Dollar nicht zu teuer werden. "Ein gutes Neues Jahr" also für den Kanzler und für alle, die ihn wollten und die ihn nicht wollten?

So könnte es sein. Aber gute Perspektiven bergen auch eine Gefahr. Noch besteht die Möglichkeit, die Wachstumsfeuer auszutreten. Noch sind es ja nur Prognosen, Chancen. Wenn die Regierung daran ginge, die verheißungsvollen Signale zur Behandlung von Unternehmern zurückzunehmen oder die Zwickels und Mais in den Gewerkschaften versucht wären, die guten Chancen durch hohe Tarifforderungen und Arbeitskämpfe zu verspielen, dann wären alle guten Neujahrswünsche in die Luft gesprochen. Es sollte erst gebacken und dann verteilt und gegessen werden.

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