Wirtschaft : 100 Jahre für den Nachwuchs

Die Siemens-Werkberufsschule feiert ihr Jubiläum. Kein Unternehmen in Berlin bildet mehr Lehrlinge aus

Manuel Köppl

Berlin - Gewöhnlich sind 100. Geburtstage Anlass für feierliche Reden, die voller Glückwünsche und frei von Kritik sind. Viel Lob gab es zwar am Freitag auch für die Siemens-Werkberufsschule. Doch beim Festakt zu ihrem 100-jährigen Bestehen sparten Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Siemens-Personalvorstand Jürgen Radomski nicht mit Grundsätzlichem: Wowereit will, dass Unternehmen verstärkt ausbilden. Radomski verlangt nach mehr ausbildungsfähigen Schülern. In einem Punkt waren sich beide jedoch einig: Ausbildung sichert die Zukunft des Standorts Deutschland.

Im Herzen der Berliner Siemens-Stadt gegenüber dem Dynamo-Werk gründete 1906 der damalige Werksleiter August Raps die Werner-von-Siemens-Werkberufsschule. Seither hat sich viel verändert: Längst ist die Konzernzentrale von Spandau an den Wittelsbacherplatz in München umgezogen. Dennoch ist die Siemens AG der größte industrielle Arbeitgeber Berlins geblieben. Und in keinem Unternehmen der Stadt werden mehr Jugendliche ausgebildet als an der ältesten privaten Berufsschule Deutschlands.

Rund 1000 Auszubildende sind es derzeit, die am Rohrdamm für technische und kaufmännische Berufe theoretisch wie praktisch geschult werden. „In erster Linie für Siemens, aber auch für Unternehmen wie Schering oder Philip Morris“, erklärt Martin Stöckmann, Leiter der Berufsausbildung bei Siemens in Berlin. Die Palette reiche von Bürokaufleuten über Mechatroniker bis hin zu Werkstoffprüfern. „Endlich“, sagt Berufsschulleiter Wolfgang Krüger, „gibt es auch zwei Mädchenklassen – nach 100 Jahren.“ Mehr als 50 junge Frauen werden derzeit für das Berufsleben fit gemacht.

Angefangen hat alles etwas anders, mit 77 Knaben und strengen Lehrmeistern. Doch das Grundkonzept der Werkberufsschule ist bis heute dasselbe geblieben: „Bei uns ist der theoretische Unterricht durch projektorientiertes Arbeiten eng mit der Berufspraxis verbunden“, erläutert Krüger. Deshalb gebe es an der Werkberufsschule auch keine langen Denkpausen zwischen Theorie und Praxis, kaum Durchfaller, wenig Abbrecher und fast keinen Unterrichtsausfall. Denn die Ausbilder arbeiten, wenn nicht gerade im Klassenzimmer, in einer der Produktionshallen – wie die Schüler auch. „Wir haben nicht immer bessere Lehrer und Auszubildende als staatliche Berufsschulen“, sagt Krüger, „aber wir arbeiten unter besseren Rahmenbedingungen.“

Davon konnte der Berliner Siemens- Chef Gerd von Brandenstein nicht profitieren: Er habe keine Ausbildung im Konzern genossen, dafür sitze er seit langem im Prüfungsausschuss der Auszubildenden. „Das hat mir viele Freunde bei Siemens eingebracht“, scherzte von Brandenstein beim Festakt in der Mosaikhalle. Doch Nachredner Klaus Wowereit schlug auch ernstere Töne zum 100-Jährigen an.

„Die Wirtschaft scheint derzeit nicht in der Lage, genügend Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen“, kritisierte Berlins Regierender Bürgermeister. Das sei inakzeptabel. Es gehe in dieser Debatte nicht um staatlich verordnete Ausbildungsquoten, sondern um die unternehmerische Verantwortung. „Sollen Gewinnmargen eines Konzerns das Maß aller Dinge sein oder seine zukünftige Qualität, seine Nachwuchskräfte“, fragte Wowereit kritisch in die Runde. Jede solidarische Gesellschaft versage, wenn sie jungen Menschen keine Perspektive bieten könne.

Applaus gab es für diese Worte zwar auch von Jürgen Radomski. Doch der Siemens-Personalvorstand kritisierte im Gegenzug die Vorbildung und Ausbildungswilligkeit von jugendlichen Schulabgängern. Für Radomski beginne die Wettbewerbsfähigkeit bereits in den Klassenzimmern. „Politik und Wirtschaft dürfen nicht an Bildung und Ausbildung sparen“, sagte Radomski und forderte mehr Geld für die Ausbildung junger Menschen. Schließlich wolle die Siemens- Werkberufsschule auch mit ihren 100 Jahren weiter kräftig ausbilden. „Doch dazu müssen wir junge Menschen wieder für Arbeit und technische Berufe begeistern“, forderte Radomski.

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