Wirtschaft : 130 Millionen Euro für Berliner Elite-Uni

Ursula Weidenfeld

Im Kreis der Unternehmen, die noch in diesem Jahr eine private Elite-Wirtschaftshochschule in Berlin gründen wollen, regt sich Kritik am Konzept einer rein betriebswirtschaftlich orientierten Business School. Ergänzend sollten auch geisteswissenschaftliche Fächer gelehrt werden, heißt es. Neben dem Aufbaustudiengang Master of Business Administration solle die Hochschule auch eine akademische Erstausbildung anbieten. Angesiedelt werden soll die Hochschule wahrscheinlich in der historischen Mitte der Stadt Berlin: im Staatsratsgebäude auf dem Schlossplatz. Da, wo bis vor wenigen Monaten das Bundeskanzleramt untergebracht war.

Die Chefs einflussreicher deutscher Unternehmen hatten vor wenigen Wochen beschlossen, der Bundeshauptstadt Berlin eine neue Hochschule zu schenken. Die Hochschule - Arbeitstitel: European School for Management & Technology (ESMT) - wurde Mitte November in München einem größeren Kreis von Unternehmen vorgestellt. Sie soll die Management-Elite der Zukunft ausbilden. Treibende Kräfte des Plans sind Rolf Breuer, der Vorstandschef der Deutschen Bank, der Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp, Gerhard Cromme, und die Hertie-Stiftung. Die Hochschule soll im internationalen Wettbewerb in der Top-Liga mitspielen können und sich aus Studiengebühren und dem Stiftungskapital finanzieren, das nun eingesammelt werden soll.

Wichtig sind die jetzt aufkeimenden Bedenken, weil die Initiatoren der neuen Hochschule in Berlin gerade ausloten, wer sich wie stark an der Finanzierung beteiligt. Insgesamt 18 Unternehmen - darunter Siemens, SAP, Post, Telekom und Bertelsmann - haben bereits ihr Interesse an einer Förderung der Bildungseinrichtung bekundet und begutachten zur Zeit das Konzept der Berliner Einrichtung. Die Frage, wie weit die Initiatoren der Hochschule ihren Wünschen entgegenkommen, dürfte auch darüber entscheiden, ob sich die Unternehmen am Ende tatsächlich finanziell engagieren.

Gebraucht wird für das ambitionierte Vorhaben jedenfalls viel Geld. Die Gründer gehen nach einer Vorstudie der Unternehmensberatung McKinsey, die dem Tagesspiegel vorliegt, davon aus, dass sie ein Stifungskapital von 120 bis 130 Millionen Euro sammeln müssen, um die Erstinvestitionen und den laufenden Betrieb der Hochschule finanzieren zu können. Das ist allerdings ziemlich konservativ geschätzt: Die in Anspruch, Größe und Ausstattung vergleichbare Indian School of Business, die in diesem Jahr in Haiderrabatt auf Anregung der Unternehmensberatung McKinsey gegründet wurde, braucht ein Stiftungskapital von rund 22 Millionen Dollar, um sich zu finanzieren. Die ESMT soll nach den Plänen ihrer Initiatoren schon im Herbst des Jahres 2002 starten und nach einer Anlaufphase mit einem Zuschussbedarf von insgesamt rund 6,6 Millionen Euro auskommen. Ob der ehrgeizige Zeitplan einzuhalten ist, entscheidet allerdings nicht allein das Geld. Auch die rund 80 Professoren, die die Hochschule nach Berechnungen von McKinsey in ihrer vollen Ausbaustufe zur Sicherstellung der Lehre braucht, müssen erst einmal gefunden werden. Da auch sie der Elite der internationalen Wirtschafswissenschaft angehören sollen, wird die ESMT voraussichtlich schnell nach hochkarätigen Partnerhochschulen in aller Welt Ausschau halten müssen: Denn allein wegen des tollen Plans der Initiatoren, der renommierten Unternehmen, die das Projekt unterstützen wollen und dem Sitz der Hochschule in Berlin komme wohl kaum einer der international anerkannten Professoren. Nur, wenn ein attraktives Netzwerk bestehe, würden Professoren wenigstens zeitweise an ein noch unbekanntes Institut wechseln.

Immanuel Hermreck, Chef der Bertelsmann University, sagt, dass die Entscheidung über das Profil der Berliner Hochschule schnell fallen muss: "Es ist wichtig, dass die Hochschule schnell über die Startphase hinaus kommt." Ein wesentliches Kriterium, an dem Bertelsmann eine Beteiligung an dem Ausbildungsprojekt prüft, sei die Frage, wie streng sich die Business School auf das Betriebswirtschaftliche beschänkt. "Da gibt es inzwischen auch in Deutschland viele gute Schulen", sagt Hermreck, "wir könnten uns auch ein Modell vorstellen, in dem Wissen auch stärker in den politischen Raum getragen wird".

Einen Partner für dieses Modell einer weiter geschnittenen Hochschule gäbe es auch schon. Dem Vernehmen nach empfehlen Daimler-Chrysler, McKinsey und die Deutsche Bank den Initiatoren eine enge Zusammenarbeit mit dem European College of Liberal Arts (ECLA). Das Institut arbeitet seit zwei Jahren in Berlin Buch und hat nach zwei Sommeruniversitäten in den vergangenen Jahren nun seinen regulären Lehrbetrieb gestartet. Die Besonderheit dieser Einrichtung: Die Studenten werden im ersten Jahr in einem Studium Universale mit den Geisteswissenschaften bekannt gemacht - egal, ob sie hinterher Wirtschaftswissenschaften, Politik oder Physik studieren wollen. ECLA-Chef Stephan Gutzeit jedenfalls zeigt sich kooperationsfreudig. "An uns soll es nicht liegen", sagt er zu einer möglichen Zusammenarbeit. Ein möglicher Grund für die Offenheit: Die Hochschule ECLA hat selbst ein Problem. Sie hat zwar die Geisteswissenschaften in ihrem Lehrangebot - aber auch wenig Geld.

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