Wirtschaft : 150 Jahre alter Gedanke von Verantwortung und Solidarität

KATHRIN SPOERR

BERLIN .Raiffeisen - der Name klingt nach Getreidespeicher und Heuwagen, nach dem warmen Dunst eines Kuhstalls, nach Bankfilialen in Fachwerkhäusern, auf deren Kundenparkplätzen Traktoren auf Männer mit wettergegerbten Gesichtern warten.Raiffeisen ist Synonym für deutsche Ländlichkeit, für krisengeschüttelte Landwirtschaft.

In der Krise war die deutsche Landwirtschaft auch vor 150 Jahren, als Friedrich Wilhelm Raiffeisen den "Flammersfelder Hilfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte" gründete.Der Hungerwinter 1846/47 hatte den Bauern vor Augen geführt, daß sie solchen Katastrophen hilflos ausgeliefert waren.Keine Organisation schützte sie bei Mißernten oder gegen die Willkür der Viehhändler.Raiffeisen, als langjähriger Bürgermeister der westerwäldischen Gemeinde Weyerbusch mit den Sorgen der Landwirte vertraut, schloß diese Lücke.

Der Flammersfelder Verein trug schon die typischen Organisationsmerkmale von Genossenschaften.Seine Mitglieder schlossen sich freiwillig zusammen, weil sie nach einem gemeinsamen Ziel strebten und mit den gleichen Nöten zu ringen hatten."Alle für einen - einer für alle" war der tragende Gedanke, Freiwilligkeit und Solidarität lauteten die Prinzipien.Die Bauern sollten frei werden von staatlicher Hilfe und damit auch im bürgerlichen Sinne freier.

Auch der von Raiffeisen 1862 gegründete "Darlehenskassen-Verein" wich vom Urbild der Wohltätigkeits-Nothilfe ab.Hier halfen nicht Wohlhabende aus reiner Mildtätigkeit ihren in Not geratenen Mitmenschen.Sondern Raiffeisens Ur-Banken waren Kreditinstitute der Selbsthilfe.Später wurden hier die Einzelinteressen der Bauern gebündelt - durch gemeinsamen Wareneinkauf und -absatz konnten die Produzenten landwirtschaftlicher Güter ihre Position gegenüber den Abnehmern verbessern.

Mit der Landwirtschaft hat sich in Deutschland auch die Aufgabe der Raiffeisenbanken von Grund auf gewandelt.Der Markt für landwirtschaftliche Erzeugnisse ist übersättigt.Agrarsubventionen, Europäisierung und anhaltendes Höfesterben bestimmen den ländlichen Alltag.Diese Aufgaben sind von kleinen örtlichen Genossenschaften immer weniger zu bewältigen.Die Raiffeisenbanken präsentieren heute ein umfassendes Dienstleistungsangebot und stehen damit in Konkurrenz zu den Geschäftsbanken.Die ursprüngliche Gemeindebank, die nach Raiffeisens Vorstellung jeweils ein Kirchspiel zusammenschmiedete, sind heute fusionsfreudige Kreditinstitute.

Sie finden in den ebenfalls genossenschaftlich organisierten Volksbanken die geeigneten Partner.Dies ist zugleich eine späte Versöhnung mit Raiffeisens Lieblingsfeind Hermann Schulze-Delitzsch, in dem die Volksbanken ihren Gründervater sehen.Seinerzeit stritt man unter anderem um Haftungsverantwortung der Genossenschaftler und um die Frage, ob Gewinne ausgeschüttet oder in Reservefonds eingestellt werden sollen.

Die Raiffeisenbanken sind nur noch selten jene romantisch sonnenbeschienenen Fachwerkidyllen.Modernisierung und "Zwang zur Größe" stehen im Konflikt zu Raiffeisens Grundregel vom solidarischen Füreinander.Doch die Idee lebt: vor allem in der Dritten Welt.In mehr als 100 Ländern sind 300 Millionen Menschen Mitglieder von Genossenschaftsbanken.Solidarisch und eigenverantwortlich kämpfen sie gegen die Marginalisierung der Landbevölkerung.Wie vor 150 Jahren in Deutschland wollen sie dem organisierten Handel organisierte Produzentenstrukturen entgegensetzen und so die Stadt-Land-Disparität überwinden.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen wollte eigentlich nur den Bauern helfen.Tatsächlich aber hat er die Welt verändert, wie nur wenige.150 Jahre ist das her.

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