Wirtschaft : 160 Prozent Kursgewinn

ALFONS FRESE

Finger weg oder voll rein? Eine klare Antwort bekommt der Anleger selten, schon gar nicht bei der Deutschen Telekom.Seit dem Börsengang im Herbst 1996 wird kaum eine Aktie so widersprüchlich eingeschätzt.Doch bislang gibt der Erfolg der Neuemission sowohl der Telekom-Spitze als auch den Käufern der T-Aktie recht, der Kurs hat sich zwischenzeitlich mehr als verdoppelt - ungeachtet der wenig glücklichen Internationalisierungsstrategie.Als Ron Sommer vor drei Wochen die Details des zweiten Börsengangs erläuterte, bestätigten ihn die Zahlen: Seit November 1996 stieg der Kurs der T-Aktie um 160 Prozent, der Dax blieb mit plus 96 Prozent dahinter zurück.

Das Berliner Bankhaus Löbbecke ist ungeachtet der Kursentwicklung in den vergangenen Jahren bei seiner Meinung geblieben.1996 meinte die Privatbank "die Voraussetzungen für einen langfristigen Erfolg sind noch nicht geklärt".Und heute "ist das Unternehmen fundamental zu hoch bewertet", wie Hans Jakob, Leiter der Bereiche Anlagestrategie und Produktentwicklung bei Löbbecke sagt.Umsatz- und Eigenkapitalrendite seien zu niedrig, der Personal- und Schuldenstand zu hoch, die Telekom insgesamt nicht sehr wettbewerbsfähig.Der rasante Kurssprung vom Freitag verdankt sich Jakob zufolge nur der demnächst deutlich größeren Dax-Gewichtung der Deutschen Telekom: Index-Manager müßten nun ihr Depot umschichten und also entsprechend mehr Telekom-Aktien kaufen.Aufgrund dieser Methodik des institutionellen Anlagemanagements sieht der Löbbecke-Mann den Kurs der T-Aktie auf 40 oder 41 Euro steigen - jedenfalls kurzfristig."Die steigt, obwohl sie schlecht ist", sagt Jakob.Die professionellen Anlagemanager folgten gegenwärtig dem "Herdentrieb".Kein seltenes Phänomen an der Börse.

Ungeachtet dessen bleibt das Bankhaus bei seiner langfristig negativen Einstellung.Auch deshalb "weil die bisherigen Prognosen zur Gewinnentwicklung nicht eingetroffen sind".Schließlich stellt "in der relativen Wertentwicklung internationaler Telekommunikationsunternehmen seit 1996 die Deutsche Telekom das Schlußlicht dar", hat das Bankhaus Löbbecke ermittelt und präferiert deshalb andere Telekommunikationsunternehmen - ausgenommen Mannesmann, die auf dem aktuellen Niveau mit einer Bewertung von dem 70-fachen der Gewinne zu teuer sei.Doch die Expertenmeinung wird voraussichtlich das Verhalten der Kleinanleger beim bevorstehenden zweiten Börsengang der Telekom nur unwesentlich beeinflussen.Da sind Manfred Krug und die wiederum gigantische Werbekampagne vor.Und Preisnachlässe und Treueaktien, insbesondere für die 177 000 Telekom-Mitarbeiter.Die bekommen nämlich einen Nachlaß pro Papier von 14,56 Euro; außerdem werden ihnen bis zu 200 Aktien bevorzugt zugeteilt.

Für den gemeinen Anleger hat die Telekom folgende Köder ausgelegt: Wenn zum Beispiel jemand, der bislang noch keine T-Aktie hat, in der Zeit vom 7.bis 15.Juni junge T-Aktien ordert, erhält er/sie einen Rabatt zwischen zwei und fünf Prozent.Wer die neuen Aktien lange genug behält - mindestens zwölf bis 15 Monate - bekommt sogenannte Treueaktien im Verhältnis 10:1.Immerhin gibt es die Treuescheine diesmal deutlich schneller als beim Börsengang 1996: Wer damals die Aktie für 28,50 DM kaufte und bis diesen Herbst hält, bekommt dann eine für zehn, also nach drei Jahren.Und anders als beim ersten Börsengang ist der Bonus nicht mehr auf 300 Aktien begrenzt; wer also beispielsweise 500 neue T-Aktien kauft, bekommt nach der "Treuefrist" 40 umsonst dazu.Altaktionäre, die bereits T-Aktien im Depot haben, kriegen einen kleinen Vorteil gegenüber den Neulingen: Sie können noch zwischen dem 10.und 23.Juni ordern und kommen dennoch in den Genuß des Bonus-Programms.Das liegt an den Bezugsrechten, die den Altaktionären wahrscheinlich im Verhältnis 10:1 zustehen.Doch anders als sonst üblich bietet das Bezugsrecht in diesem Fall keinen geldwerten Vorteil, da der Preis der neuen T-Aktie am Markt ermittelt wird, also gleichsam so hoch sein wird wie der Tageskurs der alten T-Aktie.Deshalb ist das Bezugsrecht nichts wert.Das Ködern von Kleinaktionären mit Rabatten und Treuepapieren lehnt Bankhaus Löbbecke-Berater Jakob "aus Wettbewerbsgründen ab".Schließlich "hat ein gutes Unternehmen sowas nicht nötig", ist Jakobs niederschmetterndes Fazit.Jakob ist übrigens Mitarbeiter einer Bank, die nicht zu dem Konsortium gehört, das die neuen T-Aktien an die Börse bringt; mehr als 20 Institute sind an der Riesenemission beteiligt.Und Mitarbeiter dieser beteiligten Institute dürfen sich eben jetzt nicht mehr über die Perspektiven der T-Aktie äußern, bis die Emission über die Bühne ist.Die Zeit bis dahin nennt man "blackout-Periode".

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