Wirtschaft : 1992 umsonst gestreikt

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Eigentlich sind die Arbeitnehmer des öffentlichen Dienstes ziemlich brav. Streiks hat es erst zwei Mal gegeben: 1974 unter dem ÖTVVorsitzenden Heinz Kluncker, der gegen die von Willy Brandt geführte Bundesregierung eine zweistellige Einkommenserhöhung durchsetzte. Der Arbeitskampf damals war kurz und wirkungsvoll, gut 200000 Arbeitnehmer streikten drei Tage, dann gaben die Arbeitgeber nach.

1992 war für die Gewerkschaft und 300000 Streikende weniger erfolgreich. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kostete der Arbeitskampf damals rund 500 Millionen Mark (256 Millionen Euro). Besonders betroffen waren der Personenverkehr und die Lufthansa mit jeweils rund 100 Millionen Mark Schaden. Neben Bahn und Lufthansa erwischte es insbesondere auch die Post, allein in den Postämtern Frankfurts stapelten sich Millionen Briefe und ein paar hunderttausend Pakete. Heute wäre in diesen Bereichen ein Streik weniger spürbar, denn inzwischen sind viele Staatsbetriebe privatisiert worden.

Gestreikt wurde 1992 in fast allen Bereichen des öffentlichen Dienstes: in Krankenhäusern, Kindergärten, Schulen, Altenheimen und Verwaltungen. Der ÖTV brachte der Arbeitskampf vor allem Ärger. Ein Schlichterspruch, der eine Erhöhung um 5,4 Prozent vorsah, wurde von der Gewerkschaft abgelehnt. Daraufhin kam es zum Streik, an dessen Ende dann auch nur 5,4 Prozent standen. Es war gewissermaßen zwölf Tage umsonst gestreikt worden. Der Unmut in der ÖTV war entsprechend groß.

Wenn es in den kommenden Wochen zum Arbeitskampf kommt, wird Verdi vermutlich nicht Hunderttausende zum Streik aufrufen, sondern die Minimax-Strategie anwenden, die sich bereits vergangenen Herbst bei Warnstreiks bewährte: Zum Beispiel legen ein paar streikende Feuerwehrleute den Flughafen Frankfurt lahm. alf

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