Wirtschaft : 1998: Deutschland muß flexibler werden, wenn der Währungsschleier gelüftet ist

Euro und Arbeitsmarkt bestimmen das Jahr / Auf dem Weg zu mehr Beschäftigung erst am Anfang

Das Jahr 1998 wird wie nur wenige in den letzten 50 Jahren im Zeichen Europas stehen.Denn mit Währungsunion und avisierter EU-Osterweiterung geht die Integrationsrichtung gleichzeitig in die Tiefe und in die Breite.Der Euro wird vor allem den ersten Monaten bis Anfang Mai seinen Stempel aufdrücken ­ wenn die Zunft der Statistiker mit immer neuen Prognosen über den Kreis der Teilnehmer an der Währungsunion aufwartet.Nach 50 Jahren heißt es nun, Abschied von der liebgewonnenen D-Mark zu nehmen.Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, daß die Scheidung gerade im Jahr der Goldenen Hochzeit ansteht.­Zum weiteren Leitmotiv dürfte die Hoffnung auf die ersehnte Wende am Arbeitsmarkt werden.Kommt sie oder droht nun endgültig der Anfang vom Ende der Arbeit ­ möglicherweise eingeläutet durch einen Negativrekord von fünf Millionen Erwerbslosen in diesem Winter? Vieles deutet auf eine Umkehr des Beschäftigungstrends hin.Dazu muß sich indes der lähmende Attentismus der Investoren lösen.Man kann daher nur hoffen, daß die bevorstehenden Wahlen im Herbst die Politik nicht zu noch gewagteren Blockadekapriolen verleitet als bislang.­Ein Fragezeichen hinter die wirtschaftliche Entwicklung im nächsten Jahr setzt auch die gegenwärtige Finanzkrise in Asien.Die Tiger und Drachen scheinen zu kränkelnden Kätzchen und schwächlichen Eidechsen geworden zu sein.Das asiatische Wunder ist jedoch keineswegs ausgeträumt.Sicherlich schmerzen die vom Internationalen Währungsfonds forcierten Reformen zunächst.Sie tragen jedoch dazu bei, die oft hochregulierten und abgeschotteten Finanz- und Gütermärkte aufzubrechen.Auf mittlere Sicht stärkt diese reinigende Krise damit das Wachstumspotential in Asien.­Die Schockwellen des Bebens bekommen auch die Industrienationen zu spüren.Rückläufige Exporte dürften vor allem in Japan der ohnehin schwachen Konjunktur einen weiteren Schlag ins Kontor versetzen.Weniger stark werden die Seismographen in den Vereinigten Staaten und in Europa ausschlagen.Insbesondere auf dem europäischen Kontinent sind die Handelsverflechtungen mit den krisengeschüttelten Staaten letztlich wesentlich geringer als in Japan.In Deutschland etwa liegt der Ausfuhranteil der betroffenen Staaten Südostasiens bei rund 5 Prozent.Die Prognosen für das deutsche Wirtschaftswachstum 1998 sind folglich ­ wenn überhaupt ­ nur geringfügig nach unten korrigiert worden.Sie rangieren gegenwärtig zumeist bei knapp 3 Prozent, im Vergleich zu annähernd 2,5 Prozent für 1997.­Die Konjunkturlage in Deutschland bleibt allerdings weiterhin tief gespalten: Auf hohen Touren läuft lediglich die exportnahe Produktion.Viele konsumorientierte Wirtschaftszweige warten auch weiterhin auf den Aufschwung.Ebenso zeichnet sich im Bausektor erst allmählich ein Ende der Krise ab, die vor allem in Ostdeutschland den Wachstumsdurchschnitt nach unten zieht.Auch das Gesamturteil bedarf der Differenzierung: Trotz merklich verbesserter Stimmung und aufgehellten Produktions- und Investitions-Perspektiven wird die Arbeitslosigkeit in diesem Jahr nicht nennenswert sinken.­Die Bundesrepublik scheint in den Bannfluch des Jobless Growth, des beschäftigungslosen Wachstums geraten zu sein.In der Tat fehlt es nicht an Mahnern, die das Ende der Arbeit prophezeien.Sie identifizieren die Globalisierung als Schreckgespenst, das die alten Industrienationen heimsucht.Derartig schwarzgemalt haben Markt-Pessimisten bereits vor 30 Jahren.Die Wirklichkeit hat sie jedoch eindrucksvoll widerlegt.Denn seit 1970 ist die Zahl der Beschäftigten in den OECD-Staaten um ein Drittel oder 110 Millionen gestiegen.­Wo aber finden die "Ageing Economies" in Zukunft Arbeit? Neue Beschäftigungsmöglichkeiten winken vor allem im Dienstleistungssektor.Als zukunftsträchtig gelten insbesondere soziale und pflegende, informations-, freizeit- und haushaltsbezogene Serviceleistungen.Große Chancen bieten ebenfalls die wirtschaftsnahen Dienste.Das Spektrum reicht hier von Planung, Werbung und Finanzierung über Verwalten, Versichern und Vermieten bis hin zu Beratern, Prüfern und Architekten.­Wie der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft in neue Arbeitsplätze umzusetzen ist, demonstrieren neben einigen reformfreudigen europäischen Ländern vor allem die Vereinigten Staaten.So haben sie die Beschäftigung im Servicesektor seit 1970 nahezu verdoppeln können.Deutschland, Frankreich und Italien hingegen kommen hier lediglich auf Zuwächse von weit unter 60 Prozent.Offenbar verbauen sie sich die Chancen auf den Zukunftsmärkten durch strukturkonservierende Regulierungen.Die europäischen und angelsächsischen Reformvorreiter hingegen gehen die bei uns vielgesuchten Wege zu mehr Beschäftigung.­Deutschland befindet sich hier trotz einer bemerkenswerten Zahl kleiner Schritte erst ganz am Anfang.Ganz oben im Plichtenheft stehen weiter der konsequente Umbau des Steuersystems, eine substantielle Senkung der Sozialversicherungsbeiträge sowie mehr Flexibilität in der Tariflandschaft.­Die Europäische Währungsunion wird den Korrekturbedarf auf den Arbeits- und Gütermärkten noch verschärfen.Denn die Flexibilitätsanforderungen steigen, wenn der Währungsschleier gelüftet und das Ventil der Wechselkursanpassung geschlossen wird.Der Euro ist daher kein Beschäftigungsgenerator.Er stellt jedoch wichtige ordnungspolitische Weichen neu.So wird das Umfeld des Arbeitsmarktes von schockartigen Aufwertungen bereinigt, die im Nachgang oft zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt haben.Zentral ist die klare Zuordnung der Kompetenzen unter dem Regime des Euro.Die Finanzminister bringen die Staatshaushalte in Ordnung, die europäischen Zentralbänker gewährleisten stabile Preise, und die Tarifpartner sorgen für einen hohen Beschäftigungsstand.­Halten sich die Akteure an diese Regieanweisungen, mag ein reformgeläutertes Europa in zehn Jahren vielleicht die USA als den gefeierten Protagonisten auf der Bühne der Weltwirtschaft ablösen.

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