Wirtschaft : 1998 wird das Börsenjahr für junge Ostfirmen

Jede dritte Neuemission soll aus den neuen Ländern kommen / Überdurchschnittliche Gewinne erwartet

BERLIN (dpa).Nach der Wende schwebte manchem Spitzen-Banker ein lebhafter Handel von Aktien vermeintlicher Renommier-Betriebe aus Ostdeutschland vor.Zwar glaubte niemand, daß das Börsenparkett mit Neulingen aus dem Osten überhäuft werde.Einige meinten aber, daß langfristig über 300 mittelgroße Firmen börsenfähig sein könnten. Wie so oft war aber auch bei den Aktienträumen die Euphorie der Realität weit voraus geeilt.Gerade ein halbes Dutzend Unternehmen aus Ostdeutschland hat bisher den Börsengang zur Kapitalbeschaffung gewagt.Für die wenigsten ist das "Going Public" ein Erfolg geworden.Doch jetzt sind sich viele Banker sicher: 1998 wird das Börsenjahr für junge Ost-Firmen.Von den etwa 20 erwarteten Neuemissionen in ganz Deutschland könnten sechs oder sieben aus dem Osten kommen. Die spektakulären Ost-Börsengänge der Anfangsjahre endeten zumeist als Flops.Die Sachsenmilch-Aktie als erstes Papier war beim Start Ende 1991 zwar schnell vergriffen.Nach den Querelen stürzte der Kurs aber ab.Ähnlich erging es den Aktien des in Leipzig wiederbelebten Bau- und Immobilienunternehmens Günter&Sohn.Die aus Teilen der DDR-Staatslinie Interflug hervorgegangene Berliner Spezialflug (BSF) startete Mitte 1993 zwar mit reger Nachfrage.Seither haben BSF-Papiere aber stark an Wert verloren. Die Aktien des Thüringer Baustoffhändlers Mühl AG werden von der Baukrise geplagt.Ein Lichtblick ist der ostdeutsche Entsorger Sero.Ein Anleger, der im Frühjahr 1995 beim Börsengang Sero-Aktien gezeichnet hat, konnte sein eingesetztes Kapital um rund 83 Prozent vermehren.Und der Kurs der seit über zwei Monaten gehandelten Sachsenring-Aktie hat sich auf relativ hohem Niveau stabilisiert. "Heute spricht keiner mehr von Sachsenmilch", meint Elmar Thöne von der DG Bank.Dieses "Erinnerungspapier" könne man mit den heutigen Börsenkandidaten gar nicht mehr vergleichen.Einer Studie zufolge ist für etwa jedes zehnte mittelständische Unternehmen in den neuen Ländern der Börsengang ein Thema.Die Voraussetzungen bei den zumeist neugegründeten Unternehmen seien teils besser als bei Firmen der alten Länder."Die sind bei Null gestartet und haben seither große Sprünge bei Umsatz und Ertrag gemacht", sagt Thöne.Oft fehle aber Eigenkapital, so daß über einen Börsengang nachgedacht werde. "Im Osten hält jetzt das Börsenzeitalter Einzug", ist sich der DG-Bank-Experte sicher.Die Bereitschaft zum "Going Public" und zur Beteiligung von Aktionären am Unternehmen sei unter ostdeutschen Mittelständlern relativ gesehen sogar höher als im Westen.Die "Herr-im-Hause-Mentalität" sei dort nicht so stark ausgeprägt.Die von der DG Bank erwarteten Ost-Neuemissionen beträfen nicht nur Technologiefirmen.Auch Automobilzulieferer und Unternehmen der Konsumgüterbranche gehörten zu den Neulingen.Als heißester Börsenkandidat für das nächste Jahr gilt die Jenoptik AG aus Jena.Das Unternehmen will - bei entsprechend guter Börsenverfassung - im Mai oder Juni an die Börse.Sollte Jenoptik dann sogar als M-Dax-Unternehmen und damit in der "2.Börsen- Bundesliga" geführt sein, könnten sich nach Expertenmeinung auch Fondsgesellschaften für die Thüringer interessieren.Aus Thüringen kommt eine weitere Premiere.Die Gründer des Jenaer Softwarehauses Intershop erwägen einen Gang an die amerikanische Computerbörse Nasdaq.Für die Deutsche Waggonbau AG (DWA) dagegen - eine der wenigen nicht zerschlagenen Ost-Industriefirmen - ist der Börsengang derzeit kein Thema mehr.Das US-Investmenthaus Advent als Nocheigentümer wollte eigentlich 1998 Aktien plazieren.Doch DWA soll jetzt von der kanadischen Bombardier-Gruppe übernommen werden.Das halbe Dutzend Banken, das die Börsengänge in Deutschland begleitet, hat auf den kleinen "Börsenboom" schon reagiert.Die Kandidaten seien größtenteils schon verteilt worden, heißt es in Branchenkreisen.Potentielle Anleger dürfte es genug geben.Denn die Aktie wird trotz Asienkrise und Mini-Börsencrash immer mehr als sinnvolle Geldanlage betrachtet, zunehmend auch von Ostdeutschen.

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