Wirtschaft : 21. 6. 1948

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Eine Hochzeitsreise nach Venedig. Kurz vor dem Tod graute dir vor nichts mehr, selbst vor dem Kitsch nicht.

Was tust du, wenn du nur noch elf Monate zu leben hast? Wozu dann noch „Sie“ sagen zu den Freunden, zu den Fremden, wenn der Tod plötzlich so nah ist und jeder dich in den Arm nehmen will.

Pankreaskarzinom. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die Ärzte hatten nach der Operation versprochen, es seien Jahre gewonnen. Vielleicht wollten sie sich irren, vielleicht wollten sie dich im Glauben lassen, es sei tatsächlich so. Deine Frau wusste es besser. Sie hatte nach der ersten Diagnose alles über diese Krankheit gelesen, und dass sie nahezu unheilbar ist, tödlich in kurzer Zeit.

Damals war sie noch gar nicht deine Frau, dem Gesetz nach, wohl aber deine Lebensgefährtin. Ihr kanntet euch schon als Teenager, wurdet ein Paar, gingt wieder auseinander, weil jeder sein eigenes Leben führen wollte, und kamt wieder zusammen, unweigerlich, weil ihr für einander bestimmt wart. So empfandet ihr es.

Elf Monate. Was tust du in elf Monaten?

Du heiratest die Frau, die du liebst. Eine Woche vor der Operation. Das erspart Formalitäten, Schreibkram, das gibt ihr Sicherheit und dir auch, aber darum ging es eigentlich nicht. Man bietet dem Schicksal die Stirn. Aktiviert Lebenswut. Aber auf deine gewohnt stille, undramatische Weise.

Natürlich: In elf Monaten könnte man sein Leben noch einmal völlig umkrempeln, sich zurückziehen, ein Mönch des eigenen Kummers werden, oder sich hineinwerfen in den Jubel der anderen, die nicht wissen, wer da sein Geld vertut und warum.

Oder man kann so weiterleben, wie man gelebt hat, weil es ein glückliches Leben war, das nur einen Wunsch offen ließ: es weiterzuführen.

Du gingst gern spazieren. Also gingst du weiter spazieren. Du hattest diesen besonderen Blick, der eine Stadt nicht nach Straßenn unterteilt, sondern nach Orten besonderer Magie. Ein ganz privater Stadtplan Berlins, der illegale Kneipen genauso verzeichnete wie Kirchen und Synagogen oder Häuser mit schönen Gärten.

Du gingst über die Flohmärkte, wie du es immer getan hast, mit dem sicheren Auge dafür, dass die Menschen viel zu schnell auf den Müll werfen, was anderen lieb war. Also kauftest du dreißig Platten namenloser Musiker für wenig Geld, denn ganz sicher war eine darunter, die dir selbst gefiel, und eine andere, die du verschenken konntest. Also hatte sich der Kauf gelohnt.

Sammler haben einen eigenartigen Blick. Sie wissen, dass jedes Ding sein Schicksal hat. So wie andere aus Händen oder Gesichtern lesen können, haben gute Sammler ein Gespür für die Erinnerungen, die sich den Sachen einprägen. Da mengt sich etwas von dem Glück der Art hinein, das man empfindet, wenn man – dank eines glücklichen Zufalls – nach dreißig Jahren seinen ersten Teddybär wiederfindet.

Jede Sammlung, die so, mit dem Kopf und dem Herz zusammengetragen wird, gibt ein Spiegelbild ihres Besitzers – und stirbt mit ihm, denn kein anderer teilt je die gleichen Leidenschaften und Marotten. Du warst ein Sammler, der vieles zusammengetragen hat. Literatur über Zigeuner, Bilder über den Turmbau zu Babel, und Judaica. Warum gerade Judaica? Weil damals, als du mit deinen Eltern durch das zerstörte Berlin liefst, die Trümmer der Synagoge in der Fasanenstraße sich einbrannten in dein Gedächtnis.

Elf Monate! Kaum ein Jahr. Keinen Tag länger arbeiten, nur noch leben! Aber warum? Du hast gern gearbeitet, also gingst du weiter zur Arbeit. Du warst Verkäufer, denn Kunsthändler oder Galerist wolltest du dich nicht nennen. Da warst du dir einig mit deinem Freund und Kollegen. Ihr habt euch gesiezt, in all den Jahren nie zum „Du“ gefunden, und doch bestand eine Nähe, so als könnte man sich seinen Bruder wählen im Leben.

Es gibt Wörter, die seltsam klingen, wenn nicht gar altmodisch, weil sie etwas immer Selteneres beschreiben: ein grundguter Mensch mit einer ganz und gar aufrichtigen Neugier, die in diesem Fall nur ein anderer Name ist für Sympathie. Einer, der gut Freund sein kann mit allem und jedem, ohne sich dabei verrenken zu müssen. Ein Mann, der mit fünfzig Jahren noch errötet, wenn er glaubt, einen Fehler begangen zu haben oder anderen lästig geworden zu sein. „Wie langweilig“, ertappt man sich zu denken, weil Individualität allenthalben so protzig in Szene gesetzt wird. Aber kein Tag in deinem Leben war langweilig.

Du warst ein Reisender, schon immer, seit dem Tag, als du das Buch „Der Sohn des Gauchos“ in der Hand hattest. Du hast den Tango geliebt, obwohl es ein Fiasko war, als du ihn tanztest. Und du warst dort in Buenos Aires in der Bar „Sur“. Du warst auch in Patagonien, wohin dich ein anderer Schriftsteller gelockt hatte. Und du bist noch einmal nach Venedig gefahren. Die Hochzeitsreise kurz vor dem Tod. Weil dir vor nichts mehr graute, selbst vor dem Kitsch nicht.

Der Sinn Distanz zu halten, liegt vielleicht darin, dass man sie im entscheidenden Moment aufgeben kann. Du hast gern Freunde eingeladen zum Trinken und Essen. Also lädst du noch einmal alle Freunde ein, die letzten Tage und Stunden mit dir zu verbringen. Daheim. Am Sterbebett. Ihr trinkt, ohne betrunken zu werden. Ihr redet und lacht, und das letzte Geschenk an sie ist, gezeigt zu haben, wie man dem Tod gemeinsam begegnen kann.

Dein letzter Wunsch? Ein anonymes Grab. Du hast gelebt, was es zu leben gab - da gibt es nichts zu trauern. Gregor Eisenhauer

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