Wirtschaft : 3,8 Prozent mit Signalwirkung

Die Tarifeinigung in der Stahlbranche bringt die Metallarbeitgeber in Bedrängnis

Alfons Frese

Berlin - Die Metallarbeitgeber wollen dem Tarifabschluss der Stahlindustrie keinen Modellcharakter zugestehen. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser betonte am Donnerstag die Unterschiede zwischen den Branchen. Würde die „gesamte materielle Belastung“ des Stahlabschlusses auch auf die Metallindustrie übertragen, wäre das „ein Albtraum“, erklärte Kannegiesser.

Die Tarifparteien der Stahlindustrie hatten sich in der Nacht zum Donnerstag auf eine Lohnerhöhung um 3,8 Prozent zum 1. Januar 2007 und eine Einmalzahlung von jeweils 1250 Euro für die rund 85 000 Stahlarbeiter im Westen geeinigt. Dieser Abschluss wird aller Voraussicht nach in der kommenden Woche auch für die 8000 ostdeutschen Stahlkocher übernommen. In der Metallindustrie, die Kannegiesser repräsentiert, stehen für die rund 3,3 Millionen Beschäftigten im Frühjahr 2007 Tarifverhandlungen an.

Die Stahl-Partner vereinbarten erstmals einen Tarifvertrag „Demografischer Wandel“. Unter der Überschrift „altersgerechtes Arbeiten“ hatte die IG Metall tarifliche Regelungen gefordert, die unter anderem älteren Arbeitnehmern ein vorzeitiges Ausscheiden ermöglichen und den Nachschub junger Stahlkocher gewährleisten. So weit geht der Abschluss von Donnerstagnacht nicht. Verabredet wurde vielmehr eine sogenannte Altersstrukturanalyse in den Betrieben.

Diese Analyse soll Aufschluss geben über besondere Belastungen einzelner Beschäftigtengruppen, gesundheitsgerechte Arbeitsgestaltung und Qualifikationen. Anschließend können sich dann die Betriebsparteien auf Maßnahmen für altersgerechtes Arbeiten verständigen. Der zweite Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber, sprach von „tarifpolitischem Neuland“. Beide Seiten hätten sich dazu verpflichtet, „Älteren gesundes Arbeiten bis zur Rente zu ermöglichen“.

Die Arbeitgeber äußerten sich etwas zurückhaltender. Helmut F. Koch, Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Stahl, betonte den „experimentellen Charakter der Vereinbarung“, die „bei der Personalarbeit hilfreich sein wird“. Die 3,8-prozentige Erhöhung sowie die Einmalzahlung sei dagegen den Arbeitgebern „äußerst schwergefallen“. Wegen der von der IG Metall angekündigten „Großkampftage“ – Koch meinte die Ausweitung von Warnstreiks – hätten sich die Arbeitgeber schließlich nach zehnstündigen Verhandlungen auf diesen Kompromiss eingelassen.

Gesamtmetall-Präsident Kannegiesser zufolge befindet sich die Metallindustrie in einer völlig anderen Lage als der Stahl. So sei die Stahlbranche im bisherigen Jahresverlauf um knapp 20 Prozent, die Metallindustrie dagegen um bescheidene 6,7 Prozent gewachsen. Die Stahlkonzerne hätten Preiserhöhungen um 13 Prozent, die Metallfirmen aber nur um 2,5 Prozent durchsetzen können, argumentiert Kannegiesser und kommt zu der Schlussfolgerung, dass der Stahlabschluss „keine Signalwirkung“ für die Metallindustrie entwickeln kann.

Der Tarifexperte Reinhard Bispinck vom Wirtschaftsinstitut des DGB hat da Zweifel. „Die 3,8 Prozent sind in der Landschaft und haben nun eine Orientierungsfunktion auch für die Metaller“, sagte Bispinck dem Tagesspiegel. Der vergangene Stahlabschluss der Metaller lag bei 3,5 Prozent, die Metaller einigten sich danach auf 3,0 Prozent. Eine kräftigere Erhöhung als aktuell hat es für die Stahlkocher zuletzt 1995 gegeben. Damals stiegen die Löhne um vier Prozent.

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