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3. Gesundheitsbericht Berlin-Brandenburg : Chronisch abwesend in Reinickendorf

In Berlin sind Arbeitnehmer häufiger krank als im Bundesdurchschnitt. Doch auch im Vergleich der Bezirke gibt es große Unterschiede.

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Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zur Vorlage beim Arbeitgeber.
Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zur Vorlage beim Arbeitgeber.Foto: dpa

Rücken- und Nackenschmerzen, ständige wiederkehrende Infekte oder gar Depressionen: Arbeitnehmer in Berlin und Brandenburg sind im Schnitt pro Jahr 18,3 Tage krankgeschrieben und stehen ihren Unternehmen nicht zur Verfügung.

Mit Blick auf die knapp zwei Millionen Beschäftigten der Region entspricht das einem Krankenstand von fünf Prozent – ein Prozent mehr als der Bundesdurchschnitt. Die Zahlen stammen aus dem dritten länderübergreifenden Gesundheitsbericht Berlin-Brandenburg, den das Cluster Gesundheitswirtschaft am Mittwoch vorgestellt hat.

Die Berliner Statistik verderben vor allem der hohe Krankenstand in Reinickendorf und Spandau den Schnitt. Mit 5,8 Prozent ist der Anteil er in diesen beiden Bezirken am höchsten. Bei den Ostbezirken sticht Marzahn-Hellersdorf mit 5,6 Prozent hervor. Der vor allem bei Studierenden und Kreativen beliebte Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg schneidet Berlin-weit am besten ab. Hier liegt der Krankenstand mit 4,0 Prozent auf bundesdeutschem Durchnittsniveau.

Das mehr als 130 Seiten umfassende Konglomerat beleuchtet die Krankengeschichten von rund 1,6 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigten Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen in der Region aus den Jahren 2012 und 2013. Grundlage sind Daten der gesetzlichen Krankenkassen sowie der Unfall und Rentenversicherungen.

Die Berliner Wirtschaft verliert durch kranke Mitarbeiter Milliarden

„Für die Wirtschaft sind krankheitsbedingte Fehlzeiten ein sehr wichtiges Phänomen“, sagte Cluster-Manager Kai Uwe Bindseil bei der Vorstellung des Berichts. Denn Krankschreibungen von Arbeitnehmern bedeuteten für die Unternehmen hohe Produktionsausfälle. Allein in Berlin und Brandenburg verursachte der Krankenstand im Jahr 2013 Kosten in Höhe von 3,1 Milliarden Euro. „Die Zahlen zeigen, wie wichtig betriebliches Gesundheitsmanagement ist“, sagte Bindseil. „Durch Prävention und Gesundheitsförderung können mehr Menschen bis zur Rente gesund und leistungsfähig bleiben – und Unternehmen damit wettbewerbsfähig.“
Aber nicht nur des Geldes wegen sollte der Report den Betrieben zu Denken geben. Die Arbeitnehmer in der Region fallen am Arbeitsplatz nicht nur überdurchschnittlich häufig aus, sondern haben zunehmend mit chronischen Leiden zu kämpfen – Krankheiten, die sich über Monate oder Jahre hinziehen können. Dabei lassen die Daten laut Clustermanager Bindseil den Schluss zu, dass die Rekonvaleszenz bei älteren Arbeitnehmern tendenziell länger dauert als bei jüngeren. So zeigt die Statistik einen deutlichen Anstieg der Krankheitsdauer bei Mitarbeitern, die 30 Jahre oder älter sind.

„Diese Entwicklung müssen wir besonders mit Blick auf die demografische Entwicklung im Auge behalten und gegensteuern“, forderte Bindseil. Derzeit stellt in der Region die Alterskohorte von Menschen zwischen 45 und 55 Jahren die meisten Arbeitnehmer. „Die Unternehmen werden in allen Branchen mit einer Zunahme der Krankheitsfälle rechnen müssen“, sagte der Clustermanager.

Psychische Erkrankungen führen häufig zur Frühberentung

Neben Verletzungen und Vergiftungen, Muskel-Skelett-Erkrankungen und Atemwegsbeschwerden ist eine angeschlagene Psyche in Berlin und dem Umland der häufigste Grund, dem Arbeitsplatz vorübergehend fernzubleiben. Bis zur Rückkehr ins Unternehmen dauert es bei Krankheiten wie Depressionen, Angst- oder Belastungsstörungen laut Gesundheitsbericht in der Hauptstadtregion 30 Tage – im Durchschnitt, wohlbemerkt. Nicht selten können Arbeitgeber in Berlin und Brandenburg infolge von psychischen Erkrankungen gar nicht mehr in ihr Unternehmen zurückkehren. Mehr als 40 Prozent aller Frühberentungen in der Hauptstadt geht auf Belastungen der Psyche zurück.

Keiner kennt den Grund für den hohen Berliner Krankenstand

Was genau der Grund für die offensichtlich hohe psychische Belastung in der Hauptstadt ist, erklärt der Report ebenso wenig wie den generell hohen Krankenstand. Weder die beiden anwesenden Krankenkassen-Vertreter noch die Staatssekretärinnen für Gesundheit in Berlin und Brandenburg können auf die Frage ein eindeutige Antwort geben – und können über die Gründe nur spekulieren.

Womöglich sei das Leben in einer Großstadt wie Berlin mit mehr Stress und teilweise schlechteren Arbeitsbedingungen verbunden als an anderen Orten, mutmaßt Berlins Gesundheits-Staatssekretärin Emine Demirbüken-Wegner. Franz Knieps, Chef des Dachverbandes der Betriebskrankenkassen (BKK), hat zumindest mit Blick auf die hohe Zahl psychischer Leiden eine Erklärung. „In diesem Bereich ist das Versorgungssystem mangelhaft“, sagt er.

In der öffentlichen Verwaltung gibt es viele Fehlzeiten

Betrachtet man die Fehlzeiten in den einzelnen Branchen, fällt vor allem eines auf: Sowohl in Berlin als auch in Brandenburg liegt die öffentliche Verwaltung beim Krankenstand auf dem ersten oder zweiten Platz. In Brandenburg wird der Arbeitgeber Staat bei den Fehlzeiten nur noch von den Unternehmen der Verkehrs- und Lagerbranche getoppt. In Berlin liegt die öffentliche Verwaltung bei den Krankmeldungen auf Platz eins, gefolgt von des Betrieben des Gesundheits- und Sozialwesens sowie dem Dienstleistungsgewerbe.


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