Wirtschaft : 30 000 Schallplatten im Keller

Mitchel Benson

Eben erst ist er durch die Tür eines kleinen, kalifornischen Plattengeschäftes getreten, da hat John Turton schon seine Beute im Visier: Gleich über der Kasse steht das Debütalbum von "Grateful Dead". Turton nimmt die Platte in die Hand und untersucht das Sammlerstück, als sei es zerbrechliches Porzellan. Der Preis: 50 Dollar (56,61 Euro). Wenn die Platte einwandfrei ist, kann Turton sie für 120 Euro auf seiner Website verkaufen. Als er sie aber vorsichtig aus der Hülle zieht, findet er eine Unebenheit auf der Vinylscheibe. "Wie ärgerlich", seufzt er. "Damit ist sie für mich wertlos." Später will der Mann hinter der Kasse den anspruchsvollen Kunden überzeugen, dass der Makel gar nicht zu hören ist. Turton winkt ab. "Meine Kunden sind überaus pingelig", sagt er. "Und ich muss es ihretwegen auch sein."

Genau diese Detailversessenheit ist für die 2000 Stammkunden von Turtons Website Audiophileusa.com ein Markenzeichen. Und diese Genauigkeit erklärt auch, warum er und seine Frau Marianne - gemeinsam sind sie Eigentümer der Website - im vergangenen Jahr fast 500 000 Dollar Umsatz gemacht haben. Doch Kundenzufriedenheit erklärt ihren Erfolg nur teilweise. Die Turtons - er kommt aus dem britischen Reading, sie aus dem schwedischen Göteborg - machen alles selbst. Sie kümmern sich um die Bestandskontrolle, legen die Preise fest, verschicken die Platten und machen das Marketing. Das Ehepaar betreibt sozusagen einen Tante-Emma-Laden im Internet.

Experten zufolge ist das für Webunternehmer kein leichtes Unterfangen. "Das Schwierigste sind die ständigen Neuerungen", sagt Paul Edwards, Experte für Unternehmen, die in den eigenen vier Wänden betrieben werden. "Man muss auf dem Stand der neuesten Web-Entwicklungen sein. Wer sind die Konkurrenten? Und werden sie in der Lage sein, das gleiche Produkt anzubieten - vielleicht sogar billiger und besser?" Für die Turtons heißt das, sie müssen unter vielen ähnlichen Webseiten hervorstechen. Größter Konkurrent: Ebay. Und so sind die Turtons im Keller ihres Hauses in Sacramento, Kalifornien, nonstop damit zugange, die Wünsche all ihrer "überaus pingeligen" Kunden zu erfüllen.

Der 1360 Quadratmeter große Keller ist gefüllt mit schätzungsweise 30 000 Vinylscheiben und 1500 CDs. Nur mit Hilfe einer einzigen Angestellten arbeitet das Paar dort rund um die Uhr. Damit sie auch frühmorgens arbeiten können, haben sie das große Schlafzimmer im Obergeschoss dem ältesten Sohn gegeben. Sie selbst sind in einen Raum gezogen, der näher zur Kellertreppe liegt. "Es ist ein Vorteil, wenn man sich runterschleichen kann, ohne jemanden zu stören", sagt Turton. Arbeit gibt es mehr als genug. 20 000 der Platten müssen noch in die Datenbank der Website eingegeben werden, schätzt Turton. Das heißt, dass die Kunden zwei Drittel des Bestandes nicht mal kennen. Jeden Monat stellt er eine Liste seiner neuesten Angebote zusammen. Bis zu sieben Tage braucht er, die 600 bis 800 Plattenalben einzugeben, die er vorstellen will.

Warum lässt er es dann nicht jemand anderen tun? Das hat wieder mit der Unternehmensphilosophie der Turtons zu tun: sie wollen sich eben persönlich um jedes Detail kümmern und jedes einzelne Produkt selbst kennen. Zu jedem Album auf der Website schreibt Turton eigenhändig ein paar Worte. Kennt er die Musik nicht, nimmt er sich die Zeit und hört sich die Scheibe erst mal an.

Während der 48-jährige Turton die Platten kauft und die Preise macht, ist seine 46-jährige Frau für den Versand zuständig. Ein typischer Tag beginnt um sechs Uhr morgens. Dann bringt sie die beiden Söhne in die Schule. Anschließend fährt sie nach Hause, verpackt die bestellten Platten. Täglich kommen zwölf bis 15 Bestellungen. Dann bringt sie die Päckchen zur Post und holt die Jungen von der Schule ab. Am Spätnachmittag arbeitet sie dann wieder in der Unternehmenszentrale im Keller.

Zurück zu John Turton auf seiner Einkaufstour durch kalifornische Plattenläden. "Ich freue mich, dass sie Vinylplatten kaufen", sagt ein junger Mann zu Turton, als dieser in einem Geschäft in Berkeley einen Scheck für 180,43 Dollar ausfüllt. Vor ihm liegt ein großer Stapel Platten. "Schallplatten haben so sehr viel mehr Persönlichkeit und Charakter", fügt der junge Mann hinzu. "Und", sagt Turton, "sie hören sich einfach viel besser an".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben