Wirtschaft : „300 Euro für Sportler“

AOK-Chef Ahrens über Bonusprogramme und sinkende Beiträge

-

Herr Ahrens, im kommenden Jahr wollen viele Kassen neue Tarife anbieten. Droht für die Versicherten die große Unübersichtlichkeit?

Nein. Jeder Versicherte wird sich gut einen Überblick über die verschiedenen Angebote verschaffen können. Mit den neuen Tarifen hat der Versicherte die Chance, wirklich zu wählen. Die Kassen werden sich nicht mehr nur über die Beitragssätze unterscheiden.

Was hat die AOK für Tarife in Planung?

Wer – bei Krankheit – im Jahr zwischen 200 und 300 Euro an Arzneimittel- und Krankenhauskosten selbst trägt und etwas für die Gesundheit tut – etwa an Vorsorgeuntersuchungen teilnimmt oder nachweisbar Sport treibt – der erhält bis zu 300 Euro Bonus im Jahr. Je nach AOK werden die Programme etwas variieren: Wir überlegen, dass die Versicherten wie bei Flugmeilen Bonuspunkte sammeln können, zum Beispiel wenn sie mit einer Gruppe Laufen gehen oder ein Sportabzeichen erwerben.

Wenn die Menschen gesünder leben, rechnen Sie dann auch mit Einsparungen?

Wir machen die Programme nicht, um sofort Geld zu sparen. Gesundheitsförderung zahlt sich immer erst langfristig aus. Aber wir wollen Anreize bieten für wirtschaftliches und gesundes Verhalten.

Wenn die Versicherten einen Selbstbehalt wählen können und den Bonus kassieren, entzieht das nicht dem System eine Menge Geld?

Das glaube ich nicht. Wir werden damit auch Versicherte von einer Abwanderung in die Private Krankenversicherung abhalten können. Unser unternehmerisches Ziel ist aber, im Wettbewerb mit anderen gesetzlichen Krankenkassen unsere Position auch durch attraktive Boni zu halten.

Wann wird es die neuen Tarife geben?

Unser Bonusmodell kann man bei den meisten AOKs ab 1. Januar wählen. Ebenfalls ab Januar oder kurz darauf bieten wir Zusatzversicherungen an. Zum Beispiel ein Paket, das Zahnersatz, Sehhilfen und Auslandskrankenschutz umfasst und besonders preisgünstig sein wird. Fürs Krankenhaus wollen wir Zweibettzimmer und Chefarztbehandlung sowie ein Krankenhaustagegeld anbieten.

Wird der schärfere Wettbewerb zwischen den Kassen Einfluss auf die Beitragssätze haben?

Nein, kurzfristig nicht. Durch den Gesundheitskompromiss zwischen Rot-Grün und Union gibt es zum Beispiel nicht mehr Wettbewerb zwischen den niedergelassenen Ärzten und im Krankenhaus-Sektor. Leider. Wir müssen nach wie vor mit fast allen Ärzten und Krankenhäusern Verträge abschließen, egal wie gut oder schlecht die sind, egal wie viel wir brauchen. In Berlin zum Beispiel ist es unglaublich teuer, ins Krankenhaus zu gehen. Es wäre preiswerter, einem Patienten die Bahnfahrt nach Hamburg zu bezahlen und dort zu operieren. Diese unwirtschaftlichen Preise werden aber mit der bundesweiten Einführung der Fallpauschalen-Vergütung im Krankenhaus Vergangenheit sein.

Mit welchen Beitragssenkungen können die Versicherten im kommenden Jahr rechnen?

Das ist je nach Kasse unterschiedlich. Es wird auch Krankenkassen geben, die ihre Beiträge gar nicht senken. Die Beiträge werden außerdem nicht unbedingt sofort zum 1. Januar gesenkt, sondern zum Teil erst später.

Sind die 13,6 Prozent, die Gesundheitsministerin Ulla Schmidt verspricht, realistisch?

Ich lege mich nicht auf einen Beitrag fest. Wir sind uns mit dem Ministerium einig, dass die Reform 2004 zu Einsparungen in Höhe von neun bis zehn Milliarden Euro führt. Die Kassen haben aber auch Schulden angehäuft, die sie zum Teil tilgen müssen. Außerdem verzeichnen wir in diesem Jahr erhebliche Kostensteigerungen bei den Arzneimitteln und einen Rückgang der Beitragseinnahmen etwa aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit.

Bald werden die gesetzlichen Krankenkassen über die Finanzlage nach dem dritten Quartal informieren. Hat sich die Krise verschärft?

Der Trend verfestigt sich, dass die gesetzliche Krankenversicherung 2003 insgesamt bei einem Defizit in Höhe von drei Milliarden Euro landet. Rechnerisch müssten die Beiträge um 0,3 Beitragssatzpunkte steigen.

Ist im kommenden Jahr Besserung in Sicht?

Bei den Arzneimitteln können wir durch die Gesundheitsreform etwas besser steuern. Aber es wäre illusorisch, von einem Jahr ohne Defizit auszugehen.

Das Gespräch führten Carsten Brönstrup und Cordula Eubel.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben