Wirtschaft : 300 Kilometer bis zum nächsten Kunden

Die IT- und Kommunikationsbranche wächst in Berlin – doch in der Region hemmt die schwache Nachfrage den Markt

Maurice Shahd

Durch die Räume der Berliner Software-Firma Magix weht noch ein Hauch von New Economy. Junge Leute mit Beckham-Haarschnitt und hippen Turnschuhen wuseln durch die verglasten Büros. Sie entwickeln und vermarkten Multimedia-Programme. Mit der Software von Magix können die Anwender Musik, Fotos oder Videos am Computer bearbeiten. Spricht man Geschäftsführer Jürgen Jaron auf „den Hype“ an, wiegelt er ab: „Uns gab es vor dem Hype und heute gibt es uns immer noch. Und wir machen seit Jahren Gewinn.“ Besonders gut in Erinnerung hat Jaron die wilden Zeiten der New Economy nicht. Banken und Kapitalgeber hätten damals lieber den „fiktiven Businessplänen“ junger Start-ups geglaubt als realen Zahlen.

1993 tat sich Jaron mit drei Partnern zusammen, um das erste Magix-Produkt zu entwickeln – den „Music Maker“. Mit der Software kann jeder am PC Songs produzieren. Der „Music Maker“ bringt bis heute den meisten Umsatz. Jaron und seine Partner gründeten Magix in München, damals wie heute der größte Standort für die IT-Industrie in Deutschland. Doch München hatte einen entscheidenden Nachteil: „Die Stadt ist sündhaft teuer“, sagt Jaron. „Magix wollte wachsen. Dafür brauchten wir größere Büroräume und innovative Mitarbeiter.“ Beides war in München nur zu sehr hohen Kosten zu kriegen. 1998 entschieden sich die Gründer für den Umzug nach Berlin. Günstige Büroräume und qualifizierte Mitarbeiter fand Jaron hier reichlich. Magix beschäftigt heute 60 Leute in Berlin. Damit befindet sich die Firma in guter Gesellschaft. Denn trotz der Krise wächst der IT-Standort Berlin gegen den Trend. Der Umsatz Berliner Unternehmen mit Software und IT-Dienstleistungen kletterte zuletzt nach Angaben des Branchenverbandes Bitkom in Berlin um 2,6 Prozent, während es im gesamten Bundesgebiet um 2,4 Prozent abwärts ging. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Wirtschaft hat Berlin rund 2350 Unternehmen im Bereich Software und IT-Dienstleistungen. Inklusive Hardware-Herstellern und Telekommunikationsfirmen sind es rund 10 000 Firmen. Ihren Hauptsitz in Berlin haben das Software-Haus PSI, die IT-Tochter von Volkswagen, Gedas, der Hardware-Hersteller AVM oder der Internetdienstleister Teles/Strato. Dessen Chef Sigram Schindler lobt zwar das Potenzial an Fachleuten, aber sein Unternehmen leidet unter der schwachen Nachfrage aus der Region. „Bis zum ersten Kunden sind es mindestestens 300 Kilometer.“ Weniger als zehn Prozent des Umsatzes machen Teles/Strato in der Region Berlin.

Nach einer Umfrage der Berliner Software-Initiative SIBB halten 54 Prozent der Unternehmen das Geschäftsvolumen in Berlin und Umgebung für „schlecht“. „Daran ändert auch die Hauptstadtfunktion und der Zuzug von Verbänden und Wirtschaftsorganisationen nichts“, sagt Jürgen Allesch, Geschäftsführer der SIBB. Trotzdem zeige Berlin nach wie vor eine ungebrochene Dynamik bei der Neugründung von Firmen in der Kommunikationswirtschaft. Mit 100 Existenzgründungen auf 10 000 Einwohner hält Berlin den Spitzenplatz in Deutschland.

Von den Aufträgen aus der Region ist Magix nicht abhängig. Handfeste Vorteile bringt dem Entwickler von Musik-Programmen, dass sich Berlin zu einem Zentrum der Musikindustrie entwickelt hat. Mit Plattenfirmen wie Universal und Sony Music oder dem Musiksender MTV sind die Geschäftspartner von Magix in die Stadt gezogen. „Das erleichtert die Arbeit“, sagt Jaron.

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