Wirtschaft : 38 Kilometer Tunnelblick

Haltlose Prognosen und forsche Privatisierer haben den Eurotunnel zum milliardenschweren Flop gemacht

John Carreyrou,Jo Wrighton

Sechs Jahre lang trafen sich aufgebrachte Kleinaktionäre der Eurotunnel-Betreibergesellschaft in einem Pariser Restaurant zum „Diner de cons“, einem Narren-Dinner für die jährliche Verleihung ihrer Scherz-Preise. Bedacht wurden solche Gäste, die ihre Aktien zur Zeit ihres Höhenfluges an der Börse 1989 besonders teuer kauften. Im vergangenen Monat wurde aus dem bissigen Spaß eine ernsthafte Revolte. Nach jahrelangem Ärger über die Finanzlage der Eurotunnel-Gesellschaft stürzten die Kleinanleger den Vorstand in Frankreichs erstem Aktionärs-Putsch. An die Spitze der Revolte hatten sich der 67-jährige Eisenbahningenieur Joseph Gouranton und der populistische Politiker Nicolas Miguet gesetzt.

Der Maserati-Fahrer Miguet, der die Anleger mit seinem Börsenbrief gegen das Eurotunnel-Management mobilisiert hatte, sieht sich gerne als modernen Robin Hood. Der Coup, sagt er, habe ihn an der Pariser Börse berühmt gemacht: „Die Furcht vor Miguet ist der Anfang der Weisheit“, soll zur Maxime der Börsianer geworden sein. Der Fall Eurotunnel gehört sicher zu den theatralischsten Episoden auf dem Gebiet der Unternehmensführung. Die Aktionäre haben indessen mehrere Milliarden Euro verloren, nachdem sie durch viel zu optimistische Prognosen zum Kauf der Papiere verlockt wurden. Beim Börsengang 1987 wurden die Aktien zu einem Gegenwert von 5,34 Euro ausgegeben. Derzeit liegen sie nur noch bei 37 Cent. In der gleichen Zeit hat sich der Pariser Börsenindex fast vervierfacht.

Das Desaster des Projekts dient den Regierungen als Lehrstück für die Frage, ob man große Infrastruktur-Projekte wirklich der privaten Hand überlassen sollte. Dass der 38 Kilometer lange Tunnel zwischen Großbritannien und Frankreich allein durch Privatmittel finanziert wurde, lag vor allem an der damaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher. Als glühende Vertreterin der Privatwirtschaft bestand sie darauf, dass der Bau und Betrieb des Tunnels für 55 Jahre an ein privates Konsortium aus Bauunternehmen und Banken vergeben wird.

Zum Börsengang warb die offizielle Broschüre mit einer Zinsprognose von jährlich 18 Prozent. Obwohl der Börsenprospekt betonte, dass die Finanzierung ausschließlich privat erfolge, glaubten viele Kleinaktionäre, dass die Regierungen für das Projekt bürgen werden. Die Vorhersagen zu Kosten und Wirtschaftlichkeit des Tunnels erwiesen sich als Reinfall: Statt geplanter 7,4 Milliarden Euro kostete der Bau 15 Milliarden. Frankreichs staatliche Bahngesellschaft SNCF prognostizierte die Zahl der Passagiere im ersten Jahr auf 16,8 Millionen – es wurden aber nur vier Millionen. Die Gewinnerwartung bis 2003 wurde nur zu einem Drittel erreicht. Kaum jemand hatte den Wettbewerb durch die Kanalfähren berücksichtigt, die ihre Preise drastisch gesenkt haben. Auch die Rolle von Billig-Fluglinien wurde unterschätzt.

Laut Robert Bell, Direktor der Wirtschaftsfakultät am Brooklyn College, litt das Projekt seit seinem Start an Interessenkonflikten: Der Vorstand wollte es vor allem den Bauunternehmen und Banken recht machen. Niemand hatte ein Interesse daran, die Kosten gering zu halten, sagt er. Das bestätigt auch Sir Alastair Morten, Konzernchef von Eurotunnel zwischen 1987 und 1996, der vor allem der französischen Bahn die Schuld gibt: „Ohne die optimistischen Prognosen von SNCF wäre der Tunnel nie gebaut worden.“

Als der Kurs der Eurotunnel-Aktie 1995 ins Bodenlose stürzte, gründete Joseph Gouranton die Kleinaktionärs- Gruppe Adacte und rief nach der Hauptversammlung 1999 das Pariser Narren-Dinner ins Leben. Mirelle Giovine, die kurz vor dem Kursgipfel in Eurotunnel-Aktien investiert hatte, war die erste Spottpreis-Empfängerin. Sie habe den Wert eines Pariser Zwei-Zimmer-Appartments verloren, sagt die 76-Jährige. Auf der Hauptversammlung 2003 schlug Gouranton vor, den Vorstand „wegen Inkompetenz“ zu entlassen. Der Antrag scheiterte knapp. Nach der Versammlung beschlossen Gouranton und Miguet, gemeinsam vorzugehen und setzten auf Miguets Börsenbriefe, die inzwischen mit einer Auflage von 23000 Stück zirkulieren.

Miguet führt die französische Steuerzahler-Partei an, eine politische Splittergruppe, mit der er 2007 in den Präsidentschaftswahlkampf ziehen will. Zweimal wurde er in Verbindung mit der Insolvenz einer von ihm geführten Gesellschaft verurteilt. Nach einem zweiten Verfahren 1999 wegen Betruges, Meineids und Missbrauchs von Firmenvermögen, erhielt er eine Gefängnisstrafe. Wegen der in seinen Börsenbriefen veröffentlichten Bemerkungen über den ehemaligen Eurotunnel-Konzernchef Richard Shirrefs wurde er wegen Verleumdung zu 10 000 Euro Schadenersatz verurteilt.

Auf der Hauptversammlung im April wurde er von den 8000 Teilnehmern als Held gefeiert. Zusammen mit Gouranton hatte Miguet für eine 63-prozentige Mehrheit gesorgt, mit der die Konzernführung abgesetzt wurde. Angesichts der jährlichen Zinslasten von 456 Millionen Euro bewegt sich das hoch verschuldete Unternehmen laut Analysten auf die Insolvenz zu. In einem seiner letzten Börsenbriefe rät Miguet dennoch wieder zum Kauf der Tunnel-Aktien: „Von jetzt an kann es nur noch gute Nachrichten geben.“ Die Papiere könnten sogar wieder auf den Ausgabewert klettern. Schließlich, sagt Miguet, seien die Aktionäre ja noch Miteigentümer des Tunnels, der 15 Milliarden Euro wert sei. „Haben Sie Vertrauen und bleiben Sie ruhig“, schreibt Miguet den Anlegern. „Der Aufschwung steht bevor.“

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