Wirtschaft : 5,3 MILLIARDEN EURO GESUCHT

Commerzbank-Chef Martin Blessing steht vor entscheidenden Monaten.

Foto: ddp

Das Jahr 2011 ist so ganz anders verlaufen, als sich Martin Blessing das vorgestellt hat. Statt seltener nach Berlin zu fahren, um dort dem Großaktionär Bund Rede und Antwort zu stehen, sind solche Trips wieder öfter angesagt. Und werden 2012 womöglich noch zahlreicher. Dabei war der Hobbymarathonläufer Blessing im letzten Sommer noch obenauf. Selbst Kenner der Bankenszene zollten dem hochgewachsenen, schlaksigen Brillenträger Respekt. Schließlich hatte er es geschafft, 14 Milliarden Euro und damit den Großteil der vom Bund gewährten Staatshilfe zurückzuzahlen.

Weder Blessing noch Kenner der Szene ahnten damals, mit welchem Tempo die Schuldenkrise in EuroLand eskalieren und damit auch die Commerzbank nach unten ziehen würde. Zu viele griechische und vor allem italienische Staatsanleihen stehen in den Büchern der Bank. Der Commerzbank fehlen auf einmal wieder satte fünf Milliarden Euro. Es sind genau 5,3 Milliarden. Und es ist bislang offen, wo das Geld herkommt. Jedenfalls muss die Bank als Ergebnis des vergangenen Stresstests der europäischen Bankenaufsicht EBA diese Kapitallücke bis zum nächsten Juni schließen.

Blessing hetzt selbst an Wintertagen ohne Mantel und Schal durch Frankfurt von Termin zu Termin, um mögliche neue Geldquellen aufzutun. Noch mehr Staat als die 25 Prozent plus eine Aktie, die der Bund besitzt, will der eher bescheidene Blessing auf keinen Fall. „Da geh’ ich nicht wieder hin“, hat er mit Blick auf den gerade wiederbelebten Bankenrettungsfonds Soffin gesagt. Ob er diese Ankündigung halten kann? Schon die ersten Wochen im neuen Jahr werden es zeigen. Bis zum 20. Januar soll er darlegen, wie er die notwendigen Milliarden Euro ohne die Hilfe des Steuerzahlers auftreiben will. Dabei ist der Soffin schon auf mögliche Commerzbank-Hilfen zugeschnitten.

Wie dramatisch die Lage der Banken insgesamt ist, zeigte vor wenigen Tagen die enorme Nachfrage nach einem Billigkredit der EZB für die Kreditwirtschaft. Fast 500 Milliarden Euro nahmen die Banken auf zu einem Minizinssatz von einem Prozent und einer Laufzeit von drei Jahren. Die schwierige Lage drückt inzwischen auf die Stimmung der Commerzbank-Mitarbeiter: Nur 30 Prozent der 59 000 Banker halten ihr Institut noch für einen attraktiven Arbeitgeber. Und fast ein Drittel der Commerzbank-Beschäftigten würde das eigene Institut Freunden und Bekannten nicht empfehlen. Es gibt viel Arbeit für Martin Blessing. ro

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