Wirtschaft : 59 Prozent sparen nicht genug fürs Alter

Banknahes Institut sieht „dramatisch unterschätzten“ Bedarf und fordert automatischen Lohnabzug

C. Brönstrup[H. Jahberg],R. Woratschka

Berlin - Die Deutschen wissen, dass die gesetzliche Rente sinkt und ihre Lebenserwartung steigt – sie unterschätzen Ausmaß und Folgen dieser Entwicklung aber „dramatisch“. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA), die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. So legten 59 Prozent nicht genügend fürs Alter zurück, davon jeder zweite sogar gar nichts.

Der „große Denkfehler“ sei die Lebenserwartung, sagte Axel Börsch-Supan vom Mannheimer Forschungsinstitut für Ökonomie und demografischen Wandel. Tatsächlich lebten Männer fünf und Frauen sieben Jahre länger als die 2500 repräsentativ Befragten annahmen. Entsprechend höher ist die zu erwartende Rentendauer. Bei Männern beträgt sie 17,4 Jahre, bei Frauen 24,2 Jahre. Sie wurde um satte 40 Prozent unterschätzt. Gleichzeitig bescherten die Reformen von 2001 und 2004 den Rentnern von morgen deutliche Einbußen. Laut DIA fehlen den heute 40- bis 69-Jährigen im Mittel 138 Euro pro Monat. Bei den 40- bis 49-Jährigen sind es 215 Euro. Fast 60 Prozent der Haushalte könnten diese Lücke nicht decken, so Börsch-Supan.

Eine Pflicht zur Riester-Rente lehnt der Experte dennoch ab. Das problematische Drittel der Armutsgefährdeten erreiche man damit nicht, weil hier viele unregelmäßig beschäftigt seien. Außerdem: „Wer die Leute zwingt, bekommt auch Probleme, wenn was schief geht“ – etwa, wenn der Versicherer sein Renditeversprechen nicht halten kann. „Moralisch und schnell auch juristisch“ gerate der Staat dann in die Pflicht. Bei Anbietern entstünde in der Folge das Gefühl, sich nicht mehr so absichern zu müssen. „Für den Kapitalmarkt wäre das ein Desaster.“

Stattdessen schlägt das von der Deutschen Bank getragene Institut ein Alternativmodell zur so genannten Entgeltumwandlung vor, mit der Arbeitnehmer auch jetzt schon Teile ihres Gehalts sozialabgabenfrei in eine betriebliche Altersvorsorge einzahlen können. Diese Form der Altersvorsorge müsse „automatisiert“ werden, fordert Börsch-Supan. Auch hier solle es zwar keinen Zwang geben. Wer aber keine Entgeltumwandlung wolle, müsse „aktiv werden und Nein sagen“. Bisher ist es umgekehrt: Erwerbstätige müssen sich ausdrücklich für Entgeltumwandlung entscheiden und sie beantragen. Die Beteiligungsrate von derzeit 20 Prozent könne durch solche „Opting-Out-Modelle“ massiv erhöht werden, glaubt Börsch- Supan. In den USA erreiche man damit über 85 Prozent. Außerdem müssten die Bürger besser über das Ausmaß ihrer Rentenlücken informiert und etwa auch „kaufkraftbereinigte“ Rentenstandsmitteilungen bekommen.

Auch der Bundesverband deutscher Banken nennt eine Riesterpflicht „kontraproduktiv“. Stattdessen müsse „die Attraktivität der Riesterrente durch mehr Transparenz und deutliche Vereinfachung der gesetzlichen Regelungen erhöht werden“, sagte Hauptgeschäftsführer Manfred Weber dem Tagesspiegel. Der Sozialverband VdK hingegen fordert Zwang. Schon heute erhalte die Hälfte der männlichen Rentner nicht mehr als 1000 Euro im Monat, sagte VdK-Präsident Walter Hirrlinger dieser Zeitung. „Wenn wir nichts tun, wird sich das Niveau der gesetzlichen Rente immer weiter Richtung Sozialhilfe bewegen. Das ist gefährlich und den Menschen nicht zumutbar.“ Der mangelnde Erfolg der Riesterrente zeige, dass die zusätzliche Altersvorsorge auf freiwilliger Basis nicht funktioniere.

Nach einer Studie der Dresdner Bank vernachlässigen vor allem Frauen und junge Leute ihre Altersvorsorge. Von den Frauen verzichteten fast 42 Prozent darauf, bei jungen Leuten zwischen 18 und 29 sind es knappe 40 Prozent.

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