Wirtschaft : 9,90 Euro weniger Heizkosten – 136 Euro mehr Miete

Bei energetischen Sanierungen zahlen Mieter die Zeche – künftig noch stärker als heute / Ein Erfahrungsbericht.

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Ich sage es offen heraus: Ich bin parteiisch. Ich habe erlebt, was es bedeutet, wenn eine Wohnanlage mit Wärmedämmplatten eingewickelt wird. 2009 ist uns, den Mietern einer Wohnsiedlung in Berlin-Zehlendorf, genau das widerfahren. Die Arbeiten begannen im April. Die Häuser wurden eingerüstet, die Fenster mit Planen verhängt. Es war ein schöner Sommer, doch davon bekamen wir nichts mit. In der Wohnung war es dämmerig, und den Balkon konnten wir wegen der Bauarbeiten nicht nutzen.

Bis Juli ging das so. Die Arbeiter klebten erst Styroporplatten unter die Kellerwände, dann an die Außenwände. Nach dem Zuschneiden der Platten lösten sich kleine Plastikkügelchen und flogen herum. Noch Monate nach Ende der Bauarbeiten waren Rasen, Büsche und Hecken auf dem Gelände von den weißen Kügelchen bedeckt – bei uns sah es im Sommer aus wie Weihnachten.

Wir stritten mit dem Vermieter. Wir schalteten den Mieterverein ein. Geholfen hat das nicht viel. Seit Ende der Bauarbeiten zahlen wir 136 Euro mehr Miete im Monat – für immer. Verglichen damit hält sich die Heizkostenersparnis in Grenzen. Auf 1068 Euro beliefen sich die Heizkosten im ersten Jahr nach der Modernisierung, vor der Wärmedämmung waren es 1187 Euro im Jahr. Das macht eine Ersparnis von 119 Euro im Jahr – 9,90 Euro im Monat. Selbst wenn man bedenkt, dass die Energiepreise steigen, steht das in keinem Verhältnis zur Mieterhöhung. Wenigstens haben wir während der Bauarbeiten die Miete mindern können, zehn Prozent hat der Vermieter pauschal gewährt.

Das soll sich ändern. Im neuen Mietrechtsänderungsgesetz, das im Frühjahr in Kraft treten soll, ist vorgesehen, dass Mieter bei energetischen Sanierungen (Wärmedämmung, neue Fenster, Installation von Solar- und Fotovoltaikanlagen) drei Monate lang die mit den Baumaßnahmen verbundenen Belästigungen hinnehmen müssen, ohne die Miete mindern zu dürfen. Erst ab dem vierten Monat ist eine Mietkürzung möglich. Das soll Anreize für die Vermieter schaffen zu investieren, heißt es im Justizministerium. Wie bisher sollen auch in Zukunft die Vermieter elf Prozent der Modernisierungskosten auf die Miete umlegen können – und zwar unbegrenzt lange. Mit seiner Forderung, die Kosten nur so lange abzuwälzen, bis die Maßnahmen abbezahlt sind, hat sich der Mieterbund nicht durchsetzen können.

Neu ist: Selbst wenn die Mieterhöhung den Mieter wirtschaftlich überfordern würde, darf der Vermieter die Maßnahme durchführen. Dieser Einwand wird künftig erst im Rahmen des Mieterhöhungsverfahrens geprüft und nicht mehr im Vorfeld. Der Bundestag hat das Gesetz bereits gebilligt, am 1. Februar ist der Bundesrat am Zug. Allerdings kann die Länderkammer die Reform nur aufhalten und nicht zu Fall bringen, das Gesetz ist nicht zustimmungsbedürftig. Mieterschützer sehen schwere Zeiten auf die Mieter zukommen. „Die Mieter zahlen drauf“, sagt Michael Roggenbrodt vom Berliner Mieterverein. Manchmal mehr, als sie müssten. Denn kaum ein Bewohner ist in der Lage, die Abrechnung und die damit verbundene Mieterhöhung zu überprüfen. Vor allem, weil Vermieter im Zuge der Baumaßnahmen auch gern Instandhaltungsarbeiten vornehmen lassen, deren Kosten sie eigentlich selbst tragen müssten.

Besonders geschäftstüchtige Vermieter bitten ihre Mieter übrigens gleich zweimal zur Kasse. Erst für die Sanierung selbst, dann über eine normale Mieterhöhung – wegen des besseren Zustands der Wohnung. Uns ist das erspart geblieben.

Heike Jahberg

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