Wirtschaft : „95 Prozent der Fälle bleiben im Dunkeln“

Ermittler Schaupensteiner über die Macht der Justiz

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Herr Schaupensteiner, die Zahl der Korruptionsfälle steigt. Warum?

Korruption gab es schon immer, wird aber bei uns erst seit Ende der 80er Jahre ins Hellfeld gerückt. Bis 1997 war Korruption in der Privatwirtschaft nur auf Strafantrag verfolgbar. Seitdem gehen die Behörden Verdachtsfällen auch dort nach – und finden beinahe täglich neue Straftaten. Allerdings deckt die Justiz etwa 95 Prozent der Fälle gar nicht auf. Die durch Wirtschaftskriminalität – Bestechung, Untreue, Betrug, Kartelle – festgestellten Schäden belaufen sich auf mehr als sechs Milliarden Euro pro Jahr. Der tatsächliche Schaden dürfte bei 350 Milliarden Euro liegen. Das ist mehr als durch Diebstahl, Unterschlagung oder Einbruch entsteht.

Begünstigt die deutsche Mitbestimmung Filz und Korruption?

Darüber gibt es meines Wissens nach keinerlei Erkenntnisse. Zweifellos gibt es immer wieder Versuchungen, denen auch Betriebsräte in Konzernen ausgesetzt sein können. Die Vorstellung aber, dass die Mitbestimmung Korruption begünstigt, halte ich für abenteuerlich. Der Mitbestimmung würde ein Bärendienst erwiesen, wenn sich ganze Personalvertretungen über Jahre einen schönen Tag auf Kosten ihres Betriebs gemacht hätten.

Wie stark ist die Justiz im Kampf gegen Korruption?

Es gibt zu viele Wirtschaftskriminelle, aber zu wenige Wirtschaftskriminalisten. Wünschenswert wären mehr Spezialisten bei den Strafverfolgern, die sich mit den Untiefen der Korruption auskennen. Deshalb ist für die Straftäter das Risiko, entdeckt zu werden, gering. Zumal die Täter, die bestechlich sind oder bestechen, meist nicht auf den Kopf gefallen sind. Sie wissen, wie man interne Kontrollen umgeht. Auch Umfragen belegen, dass das Korruptionshandwerk vorwiegend in den Führungsetagen exerziert wird. Besetzt eine Firma einen boomenden Markt nicht, spricht man von Managementfehlern. Auch bei den Strafverfolgungsbehörden weiß man, dass Wirtschaftskriminalität boomt – aber wir können ihr nicht so schnell und umfassend nachgehen, wie es erforderlich wäre.

Was müsste geschehen?

Wir brauchen zusätzliche Ermittler. Auch eine enge Zusammenarbeit von Polizei und Justiz mit Steuerfahndung und Kartellbehörden wäre ein möglicher Weg, die sich auf den Schreibtischen stapelnden Akten schneller abzuarbeiten, bevor Straftaten verjähren oder nicht aufgeklärt werden können. Sonst reiben sich nur die Kriminellen die Hände.

Das Gespräch führte C. Brönstrup.

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