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Ingeborg Piotrowski

(Geb. 1931)||Sie war „Aktivist“ und „Held der Arbeit“. Dann hatte sie Angst um ihre Rente.
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Sie war „Aktivist“ und „Held der Arbeit“. Dann hatte sie Angst um ihre Rente. Ihre Wohnung in Baumschulenweg ist ausgeräumt, sie wird jetzt renoviert. Das Türschild „Piotrowski“ muss noch abmontiert werden. Dann erinnert nichts mehr an die Frau, die einmal mit ihrem Mann hier lebte, die Freunde hatte, Feste feierte, Urlaube an der Ostsee und auf ihrem Boot verbrachte, die in der Poliklinik des Elektroapparatewerks Treptow 40 Jahre lang „die Schwester Inge“ war.

Ihr Nachbar aus dem vierten Stock hat einen Karton mit ein paar Sachen von ihr aufgehoben, den Rest hat die Entrümpelungsfirma fortgeschafft. Im Karton liegen ein paar Fotoalben und Briefe von Leuten, deren Namen der Nachbar nicht kennt. Ihr Ausweis, gelocht und ungültig gemacht von der Polizei, als sie gestorben war. Ein altes Foto eines vielleicht achtjährigen Mädchens: Das muss die leibliche Tochter ihrer Adoptiveltern sein. Die ist mit zwölf Jahren gestorben, deshalb haben die Eltern Ingeborg aufgenommen. Auf der Rückseite des Fotos steht: „Warum?“ Ein Foto von der feierlichen Verleihung des Ordens „Held der Arbeit“, Ende der achtziger Jahre aufgenommen, zugesandt von der Protokollabteilung des Staatsrats der DDR, 1020 Berlin, Marx-Engels-Platz. Egon Krenz zeigt darauf seine Zähne, sie hat ihre Orden angeheftet: drei Mal Aktivist, zwei Mal Kollektiv der sozialistischen Arbeit.

Ingeborg Piotrowski ist in Kaulsdorf zur Krankenschwester ausgebildet worden und hat danach an der Poliklinik des Elektroapparatewerkes gearbeitet. Dort machte sie Betriebsrundgänge, Reihenuntersuchungen, Krankenstandsüberprüfungen, füllte Kuranträge und Krankschreibungen aus. Das erfahren wir aus einem Porträt über sie, die Seite einer Betriebszeitung liegt auch noch im Karton.

Dass sie mal in Kaulsdorf gearbeitet hatte, wusste der Nachbar. Ihm hat sie erzählt, wie sie ihren Mann kennen gelernt hatte. Der war damals bei der Kasernierten Volkspolizei und kontrollierte jeden Tag ihren Ausweis, wenn sie auf dem Weg zum Krankenhaus die Stadtgrenze überquerte. Sie fand, dass seine Uniform unmöglich aussah, und nähte ihm die Knöpfe vernünftig an.

Außerdem weiß der Nachbar, dass Herr Piotrowski, ein einfacher Mann, später Gewerkschaftsfunktionär war und zu Hause nicht das Sagen hatte. Er starb 2002. Für seine Frau war das ein Schlag. Sie fragte, warum das so sein musste, warum er sterben und sie übrigbleiben musste. Ihr Leben war doch längst vorbei. Was sollte denn noch kommen?

Die Fotoalben zeugen von Betriebsvergnügen. Sektflaschen und Biergläser auf den Tischen, tanzende, trinkende Leute. Es gibt Bilder vom Kajütboot, das bei Erkner lag, auf dem die Piotrowskis die warmen freien Tage verbrachten, damals in der DDR. Sie haben es kurz nach der Wende verkauft.

Was haben sie dann gemacht in all den Jahren? „Sie sind kaum rausgegangen“, sagt der Nachbar. Es gibt ein paar Fotos von einem Urlaub in Bayern, die restlichen Bilder der letzten Jahre sind im Krankenhaus und in der kleinen Wohnung aufgenommen. Im Krankenhaus haben sie Goldene Hochzeit gefeiert. Kurz vorm Tod des Mannes war das. In der Wohnung haben sie die Couch fotografiert mit sorgfältig drapierten Zierkissen darauf und die kleine Stereoanlage auf dem Beistelltisch.

Ingeborg Piotrowski traute der neuen Zeit nicht, der Zeit ohne DDR und ohne Arbeit. Ihre Rente war nicht schlecht, doch sie hatte immer Angst, dass das Geld ausgehen könnte. Als im vergangenen Jahr ihre Rente gemindert wurde, suchte sie auf dem Bescheid die größte Zahl. „169 Euro weniger! Das darf nicht wahr sein!“ 169 war irgend ein Zwischenergebnis. Ganz unten stand „- 9,25 Euro“.

Ingeborg Piotrowski wurde anonym bestattet, nicht weit entfernt von der Urne ihres Mannes.

Der Nachbar weiß nicht recht, was er mit den Hinterlassenschaften im Karton noch machen soll.
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