Wirtschaft : Abenteuer Auswanderung

Millionen Menschen verlassen ihre Heimat – aber warum?

Carsten Brönstrup

Vor 3500 Jahren fanden es die Ägypter und ihr Pharao recht praktisch, dass ihnen die Israeliten die anstrengende Arbeit auf dem Feld und auf dem Bau abnahmen. Und das für einen ziemlich kargen Lohn. Die versklavten Israeliten indes fanden ihr Dasein bedrückend und träumten von besseren Tagen im Land, in dem Milch und Honig fließen. Doch die Ausreise gestattete ihnen der Pharao erst nach zähen Verhandlungen – und nachdem grausame Plagen, ausgelöst von höherer Stelle, seinem Volk schwer zugesetzt hatten.

Der Traum vom besseren Leben in einem gelobten Land ist so alt wie die Menschheit. Auslöser des Exodus sind Kriege, Seuchen oder handfeste wirtschaftliche Gründe. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen haben derzeit weltweit 175 Millionen Menschen ihrem Geburtsland den Rücken gekehrt. Seit Beginn der Neunziger Jahre, nach dem Fall der Mauer und im Zuge der zunehmenden Globalisierung, strömen immer mehr Menschen vor allem in die Industrieländer. Allein nach Europa dürften bis Mitte des Jahrhunderts 32 Millionen Menschen kommen.

Das ist wenig, verglichen mit früheren Ausreisewellen. Zu Zeiten der Völkerwanderung zog es die Germanen aus dem Ostseeraum in das Gebiet des römischen Reiches, in Nordafrika breiteten sich die Araber aus. Die größte Wanderung begann aber mit der Entdeckung neuer Kontinente: Zwischen 1600 und 1950 setzten sich 70 Millionen Europäer nach Amerika oder Australien ab, schätzt der Wiener Bevölkerungswissenschaftler Rainer Münz. Und die zahlreichen Kriege im 20. Jahrhundert vertrieben noch einmal 45 Millionen Menschen aus ihrer Heimat.

In Zukunft werden immer mehr Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben umziehen. Ein paar Euro mehr in der Stunde führen aber noch nicht dazu, dass sie ihre Koffer packen. „Der Durchschnittslohn muss um mindestens ein Drittel höher sein als in der Heimat“, sagt Tobias Just, Migrationsexperte bei Deutsche Bank Research in Frankfurt (Main). Denn ein Umzug ist teuer: Wer in ein neues Land kommt, muss sich Job und Wohnung suchen, die Kinder in einer Schule unterbringen, neue soziale Bindungen knüpfen und eine andere Sprache erlernen.

Ein freiwilliger Umzug ist also eine Investition. Sie rechnet sich nur, wenn der Wohlstand im Zielland stabil ist oder wächst. Deshalb sind besonders die USA, aber auch Deutschland und Frankreich beliebt – vor allem bei ihren nächsten Nachbarn. „Die meisten Migranten nehmen keine langen Wege auf sich, denn mit der Entfernung steigen die Kosten“, sagt Just. Und im Nachbarland können sie auf Netzwerke zurückgreifen, die ihre Mitbürger gebildet haben. Weil Auswandern ein Abenteuer ist, gehen zumeist junge Leute. Just: „Sie können noch lange im Arbeitsleben stehen und von Lohnunterschieden entsprechend profitieren.“ Zuletzt haben sich auch zunehmend gut Qualifizierte und auch Frauen auf den Weg gemacht. Denn Wissens- oder frauenspezifische Berufe, etwa im Gesundheitswesen, sind im Westen gefragt.

Aber nicht alle Völker sind gleichermaßen mobil – wegen ihrer Geschichte. „Polen gelten als extrem mobil, weil sie sich auch in den vergangenen Jahrzehnten oft anpassen mussten und ihr Staatsgebiet verschoben wurde“, sagt Elmar Hönekopp vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. „Tschechen sind das genaue Gegenteil.“

Migration ist aber keine Einbahnstraße. Bessern sich die Lebensverhältnisse in der Heimat, kehren Auswanderer zurück – aber nur, wenn sie im Gastland noch nicht verwurzelt sind. Als etwa Spanien 1986 der Europäischen Gemeinschaft beitrat, packten Tausende gastarbeitende Iberer ihre Koffer. Eine ähnliche Entwicklung erwarten Experten auch für Osteuropa. „Je schneller Polen, Ungarn und Tschechien wirtschaftlich aufholen, desto eher werden nach der EU-Erweiterung die Zuwanderungsströme in den Westen abebben“, erwartet Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs. Doch es dürfte dauern, bis der dortige Lebensstandard auf deutschem Niveau ist – „mindestens eine Generation“, schätzt Straubhaar.

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