Wirtschaft : Abenteuerreise mit Tui

Friedrich Joussen löst am Mittwoch Michael Frenzel als Chef von Europas größtem Touristikkonzern ab.

Christoph Schlautmann

Hannover - Am Aschermittwoch fängt alles an. Jedenfalls für Friedrich Joussen. Sobald an diesem Tag in Hannover die Hauptversammlung der Tui AG endet, wird der 49-Jährige das Spitzenamt bei Europas größtem Reisekonzern übernehmen – und damit das schwere Erbe seines Vorgängers Michael Frenzel antreten.

Joussen ist zwar ein Newcomer in der Reisebranche, aber kein unerfahrener Manager. Als Deutschland-Statthalter des Mobilfunkers Vodafone hat er jahrelang die Telekommunikationsbranche geprägt. Kurz vor seinem Abgang gelang ihm das Meisterstück, der Telekom die Marktführerschaft im Mobilfunk in Deutschland abzunehmen.

Dem künftigen Vorstandsvorsitzenden des M-Dax-Konzerns nämlich droht die wenig attraktive Rolle des Frühstücksdirektors, falls ihm der Konzernumbau misslingt. Weil im 18 Milliarden Euro Umsatz schweren Tui-Konzern längst andere das Sagen haben als der Chef in Hannover, herrscht Joussen ab Mittwoch gerade einmal über ein Geschäftsvolumen von 0,6 Milliarden Euro. Abfinden will er sich damit nicht. Seit wenigen Wochen tingelt Joussen durch sein künftiges Reich, inspiziert Hotels, checkt die oft nicht mehr taufrischen Buchungssysteme und stellt den Managern der hauseigenen Fluglinie Tuifly unangenehme Fragen zum Thema Rentabilität.

Auch den norwegischen Reeder John Frederiksen traf er bereits. Der hatte mit seinem Aktienpaket von fünf Prozent 2008 versucht, Tui zum Verkauf der Seecontainer-Tochter Hapag-Lloyd – wohl an sich selbst – zu bewegen. Als dies misslang, eröffnete er das Störfeuer auf den scheidenden Frenzel. Und auch Joussen bekam den Zorn der Norweger lautstark zu spüren. Der künftige Vorstandschef nimmt das mit Humor. „Ich verstehe den Unmut“, sagte er, „aber es hilft nicht, den Feuermelder zu beschimpfen, wenn’s brennt.“

Zu melden hat er allerdings schon allerhand. Das 2005 aus der Übernahme des britischen Wettbewerbers First Choice teuer zusammengeschmiedete Reiseimperium ist ein Firmengeflecht. An dessen Spitze steht die Tui AG in Hannover, die außer der Verwaltung einiger Hotels und Kreuzfahrtschiffe lediglich eine Aufgabe besitzt: rund 56 Prozent an der britischen Tochter Tui Travel zu halten, die ihrerseits an der Londoner Börse notiert ist.

Sie steuert 97 Prozent der Konzernumsätze, gilt als Perle des Unternehmens und wird selbstbewusst regiert von dem ehemaligen First-Choice-Chef Peter Long – mit dynastischen Zügen: Als Strategiechef hat Long längst seinen Sohn Andy eingesetzt.

Von einem Durchgriff auf die übermächtige Beteiligung kann Joussen vorerst nur träumen. Nicht er, sondern Frenzel soll den Aufsichtsrat in London vorerst führen. Gelingt es ihm nicht, den Amtsvorgänger davon abzubringen, bleibt er mindestens zwölf weitere Monate ein König ohne Land.

Dabei besteht für Joussen, der seine vier Kinder samt Ehefrau unter der Woche in Duisburg zurücklässt, dringender Handlungsbedarf. Zwar überwiesen die Briten zuletzt 90 Millionen Euro Dividende an die Hannoveraner, die das Geschäftsjahr dennoch mit einem Verlust von 15 Millionen Euro beendeten. Kein Wunder: Allein die Konzernzentrale in der niedersächsischen Hauptstadt belastete das Ergebnis mit 73 Millionen Euro.

Weil immer mehr Anleger der Tui AG den Rücken kehren und ihr Geld lieber bei der britischen Tochter investieren, ist der ehemalige Dax-Konzern heute mit einer Börsenkapitalisierung von zwei Milliarden Euro nur noch ein Schatten seiner selbst. Was Joussen besonders fuchst: „Unsere Beteiligung an Tui Travel ist an der Börse mehr wert als die ganze Tui AG.“

Eine Fusion der beiden Unternehmen, die lange Zeit diskutiert wurde, ist zum Ärger von Joussen vorerst vom Tisch. „Der Konzernumbau wird kein Sprint“, weiß Joussen inzwischen, „sondern ein Marathonlauf.“ HB

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