Abfallwirtschaft : Her mit dem Müll!

Während Neapel im Abfallchaos versinkt, sind in Deutschland Reststoffe aller Art willkommen. Jetzt haben die deutschen Betreiber von Müllverbrennungsanlagen den Italienern Hilfe angeboten.

Nils-Viktor Sorge
Müll Neapel
Übelriechend: Tonnenweise Müll stapeln sich in Neapels Innenstadt. -Foto: dpa

Düsseldorf - „Wenn die italienische Regierung von Deutschland Unterstützung braucht, werden wir sicher einen Weg finden, Hilfestellung zu leisten“, sagte der Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der thermischen Abfallbehandlungsanlagen in Deutschland (ITAD), Carsten Spohn, dem Tagesspiegel. Wie viel italienischer Müll auf die Schnelle in deutschen Anlagen verbrannt werden könnte, vermochte er nicht zu sagen. Sicher aber ist, dass es sich bei dem Vorstoß nicht um eine karitative Maßnahme handelt. Die Anlagen würden die Abfälle „zu auskömmlichen Preisen“ entgegen nehmen, sagte Spohn.

In Deutschland wie in Italien ist Müll längst zum Wirtschaftsgut geworden, an dem sich nicht nur in Krisensituationen ordentlich verdienen lässt. Die Bundesrepublik hat sich in den vergangenen zehn Jahren von einem Export- zu einem Importland für Reststoffe aller Art entwickelt. Gelangten 1997 noch etwa 500 000 Tonnen nach Deutschland, rechnet das Umweltbundesamt für 2007 mit einer Zahl von mehr als fünf Millionen Tonnen. Vor vier Jahren transportierten Schiffe, Züge und Lastwagen sogar mehr als sechs Millionen Tonnen über die Grenzen ins Land.

„Wegen der hohen Entsorgungsstandards in Deutschland ist es heute einfacher, Müll zu importieren, als zu exportieren“, sagt der Berliner Abfallwirtschaftsexperte Martin Konczalla. Vor allem die Niederländer wussten in den 90er-Jahren nicht mehr, wohin mit ihren Sortierresten – deutsche Deponien und Verbrennungsanlagen waren die Lösung. Insbesondere Gewerbeabfälle ließen sich vergleichsweise kostengünstig entsorgen. Schon auf Platz zwei der Rangliste der wichtigsten Müll-Importmärkte rangiert mit wachsenden Mengen Italien – vor Irland und Belgien (siehe Grafik). Bereits heute profitieren die deutschen Verwerter davon, dass vor allem Süditalien weit entfernt vom Aufbau eines eigenen Entsorgungssystems ist.

Vor allem die Verbrennung von Abfällen aus dem Ausland könnte künftig an Bedeutung gewinnen, weil die Zeit der billigen Deponien seit etwas zwei Jahren aufgrund schärferer Gesetze vorbei ist. Die Verbrennungsanlagen waren deshalb zuletzt wieder mit heimischem Müll ausgelastet, die Importmenge leicht rückläufig. Auch aus Italien kam zuletzt weniger Hausmüll nach Deutschland, weil dieser mittlerweile in speziellen Anlagen aufwändig vorbehandelt sein muss.

Doch im ganzen Land entstehen derzeit neue Müllverbrennungsanlagen, die auch Elektrizität erzeugen oder direkt die industrielle Produktion anfeuern – wie etwa in Zementwerken oder gar bei Herstellern von Kartoffelchips. Vorn mit dabei ist Brandenburg. So nimmt in Kürze in Freienhufen (Lausitz) eine Anlage den Betrieb auf, die aus 240 000 Tonnen vorsortiertem Müll Strom erzeugt. Die Papierfabrik Leipa in Schwedt plant den Bau eines Abfall-Kraftwerks ähnlicher Größe.

„Solche neuen Anlagen werden auch Ströme von Abfall aus dem Ausland anziehen“, sagt Abfallwirtschaftsexperte Konczalla. Er geht wie andere Fachleute davon aus, dass in Deutschland wieder Überkapazitäten bei der Müllverbrennung entstehen. Dadurch sinken die Preise, und die Betreiber müssten sich nach Kunden in anderen Ländern umsehen. „Künftig könnten verstärkt Abfälle aus den Benelux-Staaten nach Nordrhein-Westfalen exportiert werden und von dort weiter in ostdeutsche Bundesländer, die schon jetzt über vergleichsweise hohe Verbrennungskapazitäten verfügen“, sagt Konczalla.

Anders als Brandenburg wird Berlin beim Müllimport zunächst weiter keine große Rolle spielen. In der Senatsverwaltung für Umwelt ist man schon froh darüber, dass die Verbrennungsanlage in Ruhleben und die Behandlungsanlagen Reinickendorf, Pankow und Schöneiche den in der Hauptstadt anfallenden Müll bewältigen können.

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