Abgas-Skandal bei VW : Matthias Müller will Konzern modernisieren

Während der neue VW-Chef die Aufklärung des Skandals vorantreibt und einen Konzern-Umbau plant, bleiben die Händler in den USA auf ihrer Ware sitzen.

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Matthias Müller, neuer Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, hat nun eine Kanzlei mit der Aufklärung des Skandals beauftragt. Die Auto-Händler in den USA bleiben auf ihrer Ware sitzen.
Matthias Müller, neuer Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, hat nun eine Kanzlei mit der Aufklärung des Skandals beauftragt....Foto: Rainer Jensen/dpa

Der neue Volkswagen -Chef Matthias Müller zieht Konsequenzen aus dem Abgas-Skandal: Er will den einzelnen Teilen des erschütterten Wolfsburger Konzerns mehr Verantwortung geben. Die Hauptmarke VW solle künftig genauso unabhängig vom Konzern agieren wie Audi und Porsche, sagte Müller seinem Redemanuskript zufolge am Montagabend bei einer internen Veranstaltung vor rund 1000 VW-Managern in Wolfsburg. "Für mich ist die neue Konzernstruktur der erste Schritt und die Basis für eine Modernisierung von Volkswagen." Das gelte besonders für das Stammwerk in Wolfsburg, fügte der frühere Porsche-Chef hinzu. Wolfsburg ist mit rund 50.000 Beschäftigten in Produktion und Verwaltung der größte Standort des weltumspannenden Konzerns.

"Bei Volkswagen ist zu viel Macht in Wolfsburg konzentriert"

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer erwartet, dass Müller eine Dachgesellschaft einrichten wird, unter der die einzelnen Marken aufgehängt werden. Dadurch könne der Konzern flexibler agieren. "Bei Volkswagen ist zu viel Macht in Wolfsburg konzentriert", sagte der Professor für Automobilwirtschaft. "Das funktioniert nicht, weil die Strukturen zementiert sind." Veränderungen würden zudem durch die starke Stellung des Betriebsrats und des Landes Niedersachsen im Aufsichtsrat behindert. Dadurch sei Volkswagen weniger flexibel als die Konkurrenz.

Gremium stellt Weichen für einen Umbau

Der Aufsichtsrat hatte Müller am Freitag zum Nachfolger für den in dem Abgasskandal zurückgetretenen Konzernchef Martin Winterkorn ernannt. Zugleich stellte das Gremium die Weichen für einen Konzernumbau.

USA ziehen Konsequenzen aus dem Abgas-Skandal

Während Müller die Aufklärung des Abgas-Skandals vorantreibt - die amerikanische Großkanzlei Jones Day sei beauftragt und werde in Kürze mit der externen Untersuchung beginnen - ziehen auch die USA ziehen Konsequenzen aus der VW-Affäre: Wie das Umweltamt EPA am Wochenende mitteilte, sollen die Tests für Dieselfahrzeuge verschärft werden. In einem Brief an die Autobauer kündigte das Amt an, Autos künftig auch im Straßenverkehr zu testen, um die Bedingungen einer durchschnittlichen Nutzung herzustellen. „Wir werden dafür sorgen, dass dies ein Einzelfall bleibt“, erklärte die Leiterin Gina McCarthy. Gleichzeitig werde die Behörde „sämtliche anderen Modelle genauestens unter die Lupe nehmen“ und zusätzliche Tests durchführen, um sicherzustellen, dass „keine versteckte Software oder sonstige Manipulation“ die Emissionswerte beeinflussen.

Bereits früher hatte die EPA Probleme nicht erkannt

Die Behörde sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, veraltete und zu leicht durchschaubare Testmethoden angewandt und es dem VW-Konzern somit einfach gemacht zu haben, die Prüfer zu hintergehen. Aufgedeckt worden war der Betrug von einem Forscherteam der Universität West Virginia. Bereits früher hatte die EPA Probleme nicht erkannt, etwa die defekten Zündschlösser bei GM oder explosionsgefährdete Airbags in Fahrzeugen der Marken Nissan und Toyota.

General Motors-Fahrzeuge trotz Rückrufen genauso gefragt

In amerikanischen Internetforen diskutieren VW-Besitzer unterdessen, ob man die betroffenen Wagen verkaufen soll. „Vielleicht lieber jetzt gleich? Oder erst mal abwarten?“ Noch wollen Experten keine Aussage darüber treffen, ob und wie sich der Skandal auf den Gebrauchtwagenmarkt auswirken wird. Die Erfahrung spreche eher dagegen: Fahrzeuge von General Motors blieben nach den Rückrufen genauso gefragt, ein Nachfragerückgang war auch im Fall Toyota nur wenige Monate spürbar. Allerdings empfehlen diverse Verbraucherplattformen, auch als Einzelbesitzer gegen VW vorzugehen. Klagen seien erfolgsversprechend.

Bisher habe VW ein hohes Ansehen in den USA genossen

„Isn’t it time for German engineering?“, in etwa: „Die Zeit ist reif für deutsche Technik, oder?“ war lange der Werbeslogan des Wolfsburger Autobauers in den USA. Bisher habe die Marke ein hohes Ansehen in den USA genossen. Jetzt aber sei zumindest mancher verunsichert, sagt Michael Jackson, Vorstandsvorsitzender von Autonation, der größten Autohändlerkette der USA. Er warnt: Wenn VW das Image der Marke nicht nachhaltig schädigen wolle, müsse das Unternehmen sich dringend erklären.

Nach dem Verkaufsstopp sitzen viele Händler auf den Dieselautos

„VW hat eine treue Fangemeinde in den Staaten. Die Dieselbesitzer sind sauer, sie wollen wissen, wer verantwortlich ist.“ Jackson ist überzeugt: „So etwas über sieben Jahre zu betreiben, braucht viele Sitzungen und Ingenieure. Da steckt ein ganzes System dahinter.“ Die Nutzer wollten sicher sein können, dass so etwas nicht wieder passiert. Diverse Händler, die mit der Autonation-Plattform zusammenarbeiten, schildern, dass Kunden bei ihnen anrufen, Rücknahmen fordern oder wenigstens wissen wollen, wann und wie nachgebessert werden kann. „Wir haben aber keine Antworten für sie, weil wir selber keine Informationen bekommen.“ Nach dem Verkaufsstopp der betroffenen Modelle sitzen viele Händler auf Hunderten von Dieselautos, die ihre Hallen blockieren.

Nicht alle Händler leiden

Offenbar leiden aber keineswegs alle Händler unter den Folgen des Skandals. „Bei uns ist die Nachfrage nach Volkswagen-Autos in der letzten Woche gestiegen“, sagt der Chef eines Autohauses in Seattle. „Die Interessenten kommen vorbei, weil sie hoffen, dass wir die Wagen jetzt günstiger verkaufen.“ Das sollte kein allzu abwegiger Gedanke sein, findet David Kiley, Autor des Buches „Getting the Bugs Out – the Rise, Fall and Comeback of Volkswagen in America“: In einem Interview erklärte er, VW könne bei der Öffentlichkeit jetzt einzig mit Preisoffensiven punkten. (mit reuters)

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