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Abgasskandal bei Volkswagen : Hans Dieter Pötsch zum VW-Aufsichtsratschef gewählt

Das Kontrollgremium von VW hat wie erwartet Hans Dieter Pötsch zum neuen Vorsitzenden des Aufsichtsrates gewählt.

Wie erwartet hat das VW-Kontrollgremium am Mittwoch Hans Dieter Pötsch zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt.
Wie erwartet hat das VW-Kontrollgremium am Mittwoch Hans Dieter Pötsch zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt.Foto: REUTERS/Fabian Bimmer/Files

Erwartungsgemäß hat der Aufsichtsrat von Volkswagen den bisherigen Konzern-Finanzchef Hans Dieter Pötsch zu seinem neuen Vorsitzenden gewählt. Dies teilte das Unternehmen am Mittwoch nach einer weiteren Krisensitzung des 20-köpfigen Kontrollgremiums in Wolfsburg mit. Pötsch löst damit den seit Ende April übergangsweise amtierenden Berthold Huber ab. Der frühere IG-Metall-Chef hatte den Posten im Frühjahr vom zurückgetretenen VW-Patriarchen Ferdinand Piëch übernommen. Am Morgen hatte das Amtsgericht Braunschweig die Wahl von Pötsch durch einen Beschluss erst möglich gemacht. Das Gericht ernannte den 64-jährigen Österreicher auf Antrag des VW-Präsidiums zum Mitglied des Aufsichtsrats - befristet bis zur nächsten, noch nicht terminierten VW-Hauptversammlung. Dort soll dann - wie bereits von Aktionärsvertretern verlangt - die offizielle Wahl von Pötsch durch die stimmberechtigten Anteilseigner nachgeholt werden. Für Pötsch muss auf der Kapitalseite des Aufsichtsrates Julia Kuhn-Piëch ihren Platz räumen. Die Nichte von Ferdinand Piëch war im Mai nach dessen Rücktritt übergangsweise in das Gremium aufgerückt. Die Wahl von Pötsch war bis zuletzt umstritten, da dessen Rolle in der Abgas-Affäre nicht zweifelsfrei geklärt ist.

Rückrufaktion kann sich ziehen

Bei der Nachbesserung der vom Abgasskandal betroffenen Dieselfahrzeuge müssen Volkswagen-Kunden Geduld haben: Die Rückrufaktion soll Anfang des kommenden Jahres beginnen und kann sich lange Zeit hinziehen. „Bis Ende 2016 sollen dann alle Autos in Ordnung sein“, sagte VW-Chef Matthias Müller der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. VW müsse die jeweilige Lösung auf jedes Modell abstimmen und die notwendigen Teile bestellen. Sorgfalt gehe vor Geschwindigkeit. „Wenn alles läuft wie geplant, können wir im Januar den Rückruf starten.“

Es gehe um den Motor EA 189 in Kombination mit verschiedenen Getrieben und diversen länderspezifischen Auslegungen. „Wir brauchen also nicht drei Lösungen, sondern Tausende.“ Für die meisten Motoren genüge ein Update der Software in der lokalen Werkstatt. Manche Fahrzeuge aber könnten neue Injektoren und Katalysatoren brauchen. Müller sagte, VW habe in dieser Woche dem Kraftfahrtbundesamt technische Lösungen vorgestellt.

Für manche Autos genügt ein Update

Volkswagen will in den nächsten Tagen Einzelheiten zur Umrüstung der manipulierten Diesel-Motoren nennen. Der Autobauer habe dem Kraftfahrtbundesamt seine Pläne vorgelegt und werde nach der Zustimmung der Behörde informieren, sagte ein VW-Sprecher am Mittwoch. Das werde bald geschehen. Offen ist bislang unter anderem, bei welchen Modellen ein Software-Update genügt und bei welchen tiefgreifendere Eingriffe nötig sind. Vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. "Für die meisten Motoren genügt ein Update der Software in der lokalen Werkstatt", sagte VW-Chef Matthias Müller der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Manche Fahrzeuge könnten neue Injektoren und Katalysatoren brauchen". Die Entwicklung einer Lösung für die Fahrzeuge, bei denen der Diesel-Motor vom Typ EA 189 eingebaut ist, ist aufwendig. "Es geht um den EA 189 in Kombination mit verschiedenen Getrieben und länderspezifischen Auslegungen", sagte Müller. "Wir brauchen also nicht drei Lösungen, sondern Tausende." Volkswagen hat zugegeben, bei bestimmten Dieselmotoren eine Abschaltvorrichtung installiert zu haben, durch die Abgaswerte am Prüfstand manipuliert werden können, ohne die Leistung auf der Straße zu beeinträchtigen. In den USA kam die Technik zum Einsatz. Ob sie in Europa ebenfalls aktiv ist oder nur eingebaut wurde, hat Europas größter Autobauer bislang offen gelassen. "Was die Abschaltvorrichtung im Einzelfall für Auswirkungen hat, ist Teil der Untersuchung", sagte der VW-Sprecher lediglich. Das KBA hatte VW eine Frist bis zum heutigen Mittwoch gesetzt, um darzulegen, wie die Abschaltvorrichtung entfernt werden soll. Die Behörde ist laut VW in diesem Fall für die sogenannte Typengenehmigung in der Europäischen Union zuständig. Entzieht die Behörde die Genehmigung, dürften die betroffenen Autos nicht mehr verkauft und bewegt werden.

VW will alle manipulierten Autos bis Ende 2016 in Ordnung bringen.
VW will alle manipulierten Autos bis Ende 2016 in Ordnung bringen.Foto: Reuters/Kim Hong-Ji


Europas größter Autokonzern hatte eingeräumt, mit einem Computerprogramm die Abgaswerte bei Dieselwagen manipuliert zu haben. Weltweit sind nach Konzernangaben rund elf Millionen Fahrzeuge betroffen, davon rund 2,8 Millionen auch in Deutschland. VW hatte bereits mitgeteilt, alleine fünf Millionen Fahrzeuge der Konzern-Kernmarke VW in die Werkstätten holen zu wollen.

Auf der Agenda steht dabei auch die nicht unumstrittene Personalie Hans Dieter Pötsch. Der bisherige VW-Finanzchef soll nach dem Willen des Präsidiums Chef des Aufsichtsrates werden. Kritiker, wie die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), sehen in seiner Person den falschen Kandidaten zur Aufarbeitung der Abgas-Krise, da nicht zweifelsfrei nachgewiesen sei, dass er keine persönliche Verantwortung für Verfehlungen in der Affäre trage.

Dennoch wird in Aufsichtsratskreisen davon ausgegangen, dass es nur eine Formalie ist, dass der gesamte Aufsichtsrat dem Präsidiumsbeschluss für Pötsch zustimmt. Anschließend soll Pötsch vom Amtsgericht Braunschweig für das Kontrollgremium benannt werden.


Auf einer Betriebsversammlung am Dienstag hatte VW-Chef Müller die Beschäftigten auf schwere Zeiten eingestimmt. Milliardenschäden durch den Abgas-Skandal drohen demnach zentrale Investitionspläne bei Volkswagen zu kippen. „Unser Ergebnis und die bisherige Finanzplanung kommen massiv unter Druck“, sagte Müller. VW drohen Milliardenschäden.

In einem Brief an seine US-Kunden hat sich VW für den Abgasskandal entschuldigt. In einem Schreiben vom 29. September, das Reuters am Dienstag vorlag, teilte US-VW-Chef Michael Horn mit, dass der Konzern das Vertrauen der Fahrzeugkäufer verletzt habe. Er bitte deshalb persönlich die Kunden um Verzeihung. Der Konzern arbeite hart daran, die betroffenen Autos so bald wie möglich in Ordnung zu bringen. Dies werde jedoch einige Zeit in Anspruch nehmen. Im Kampf um das Vertrauen seiner Kunden hatte sich VW in Deutschland mit einer großen Werbekampagne in Zeitungen entschuldigt.

91.000 Autos in Australien betroffen

Von dem Abgas-Skandal bei Volkswagen sind in Australien rund 91.000 Autos betroffen. Nach Angaben von Volkswagen Australien vom Mittwoch sind 54.745 Autos der Marke VW, 17.256 Nutzfahrzeuge und 5148 Fahrzeuge der Konzerntochter Skoda mit der Abschalttechnik ausgestattet. Die Konzerntochter Audi verkaufte zwischen 2008 und 2015 insgesamt 14.028 Autos mit der Software, mit der die Abgaswerte manipuliert werden können. Die Volkswagen Group Australia nehme die Angelegenheit äußerst ernst und sammle weiterhin alle Fakten, um jegliche Korrekturmaßnahmen zu unterstützen, erklärte Geschäftsführer John White. Die australische Verbraucherschutzbehörde hatte vergangene Woche mitgeteilt, für jede in einem Auto eingebaute und genutzte Abschalteinrichtung könne eine Geldstrafe von bis zu 1,1 Millionen australischen Dollar (688.000 Euro) verlangt werden. Volkswagen hat zugegeben, in den USA bei Dieselfahrzeugen Abgastests manipuliert zu haben. Mit Hilfe einer speziellen Software wurden im Testbetrieb deutlich weniger gesundheitsschädliche Stickoxide gemessen als im regulären Betrieb tatsächlich ausgestoßen wurden. Die Software ist weltweit in bis zu elf Millionen Fahrzeugen des Konzerns verbaut.

(dpa, Reuters,AFP)


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