Wirtschaft : Abgefahren auf den Potsdamer Platz

Thyssen-Krupp siedelt seine neue Vertriebsorganisation für Fahrtreppen in Berlin an

von
Bequemer Aufstieg. Die Stockwerke im Einkaufszentrum „MyZeil“ in Frankfurt am Main sind durch eine Fahrtreppe von Thyssen-Krupp verbunden. Foto: Thyssen-Krupp Elevator
Bequemer Aufstieg. Die Stockwerke im Einkaufszentrum „MyZeil“ in Frankfurt am Main sind durch eine Fahrtreppe von Thyssen-Krupp...

Berlin - Am Ende waren noch drei Standorte im Rennen: Wien, Zürich und Berlin. Und tatsächlich bekam die deutsche Hauptstadt den Zuschlag. „Bei der multikulturellen Aufstellung ist Berlin unschlagbar“, erläutert Torsten Gessner die Entscheidung von Thyssen-Krupp, eine neue Organisation hier anzusiedeln. Inzwischen sitzen 25 hoch qualifizierte Mitarbeiter in schicken Büros am Potsdamer Platz. Sie kümmern sich um den weltweiten Vertrieb von Fahrtreppen und -stiegen. Bislang machten das die drei Produktionswerke in Hamburg (430 Beschäftigte), Spanien (400) und China (1600) selbst. „Wir wollen mit unserer neuen Organisation in Berlin mehr Markt-Know- how generieren“, sagt Gessner, Chef der Fahrtreppensparte. Und dabei hilft eben Multikulti.

Jeder wichtige Markt soll „muttersprachlich abgedeckt“ sein. Die 25 Mitarbeiter stammen aus sieben Nationen, acht Sprachen sind dabei, mindestens zwölf dürften es sein, wenn das Büro seine Sollstärke von 50 Leuten erreicht hat. „In Berlin bekommen wir die Leute für Marketing und Vertrieb“, sagt Gessner. Bei den Ingenieuren sei es, wie überall in Deutschland, nicht so leicht.

Thyssen-Krupp, ein globaler Stahl- und Technologiekonzern mit zuletzt 43 Milliarden Euro Umsatz und 177 000 Mitarbeitern, ist mit mehr als einem Dutzend Firmen und gut 600 Beschäftigten in Berlin vertreten. Der Bereich Fahrtreppen gehört zur Konzernsparte Elevator, die für sich genommen mit 44 000 Beschäftigten und mehr als fünf Milliarden Euro schon Konzernausmaße hat.

Nach Otis und Schindler ist Thyssen- Krupp der drittgrößte Aufzughersteller der Welt. Mehr als eine Million Anlagen werden weltweit von 23 000 Serviceleuten gewartet. Darunter sind Europas schnellster Aufzug (8,5 Meter in der Sekunde) im Kollhoff-Backsteinbau am Potsdamer Platz und ab 2014 im One World Trade Center, auf dem Gelände des ehemaligen World Trade Centers, auch 71 Aufzüge und neun Fahrtreppen. Die Geschäfte laufen gut.

Auch in Berlin, wo zuletzt unter anderem die Upper East Side, Friedrichstraße/Unter den Linden, das Andel’s Hotel und die Charité mit Aufzügen ausgerüstet wurden. Das Geld wird dabei im Service verdient. In Berlin hat der Konzern ein Call Center mit 34 Mitarbeitern, die im Schnitt 1800 Anrufe und Anfragen pro Tag betreuen. Mit 100 Einsatzwagen sind die Thyssen-Krupp-Mechaniker in Berlin und dem Umland unterwegs, wenn eine Treppe klemmt oder ein Aufzug steht.

Torsten Gessner leitet das Fahrtreppengeschäft des Konzerns mit seinen drei Produktionsstandorten, gut 3000 Mitarbeitern und 330 Millionen Euro Umsatz. Gessner ist ein globalisierter Berliner. Aufgewachsen in Reinickendorf, hat er dort lange für Otis gearbeitet, aber auch in den USA, Asien und Österreich. Schon Gessners Großvater arbeitete bei einem Aufzughersteller, der Berliner Firma Carl Flohr, aus der dann 1951 Flohr-Otis wurde. Der Enkel wechselte 2005 von Otis zu Thyssen-Krupp nach Essen. Natürlich kennt Gessner Berlin und die Berliner Politik, und so war er ein wenig überrascht über die professionelle Hilfe der Wirtschaftsförderung, als es um den Standort für die neue Vertriebsorganisation ging. „Die Berlin-Partner waren sehr engagiert und haben uns die Einschätzung vermittelt, dass die Stadt uns möchte.“ Die Förderer haben unter anderem Bürostandorte zusammengestellt und eine Übersicht der Schulen geliefert, die für die Mitarbeiter wichtig sind. Der Einsatz der Berlin-Partner sei super gewesen, lobt der Manager.

Das neue Berliner Büro ist nun der zentrale Ansprechpartner für Bestellungsabwicklung, Qualität, Vertrieb und Marketing. Verkauft werden insgesamt eine Handvoll Treppenfamilien mit jeweils einer Vielzahl von Varianten. Es gibt nicht wirklich eine Standardtreppe, die meisten werden gewissermaßen nach Maß, nach Kundenwunsch gebaut. Für durchschnittlich 40 000 Euro das Stück. Anders als Marktführer Otis, der den Massenmarkt bedient, ist Thyssen-Krupp in der Oberklasse unterwegs. „Wir können das anspruchsvolle Marktsegment sehr gut abdecken – insbesondere mit unserem Know-how aus dem Fahrtreppenwerk Hamburg“, sagt Gessner.

Bei Innovationen setze man „auf den Faktor Space“. Gemeint sind Größe und Gewicht der Treppen und Fahrsteige, wie sie zum Beispiel auf Flughäfen üblich sind. In Sao Paulo liegt seit kurzem der sogenannte „iwalk“: Ein Fahrsteig, der direkt auf den Boden gelegt werden kann. Es wird keine Grube mehr darunter gebraucht, das spart Platz, Gebäude können wirtschaftlicher gebaut werden. Am neuen Berliner Flughafen hat der Konzern den Zuschlag für die Fahrsteige und -treppen nicht bekommen. Doch immerhin, so tröstet sich Gessner, liefert Thyssen-Krupp die Fahrgastbrücken.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben