Wirtschaft : Abschied vom Tafelsilber

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Für die Banken waren Beteiligungen an Industriefirmen jahrzehntelang ein völlig normales Geschäft. Die enge geschäftliche Verbindung mit großen oder kleineren Unternehmen sollte untermauert, die Entwicklung der Beteiligungsfirmen sogar mitgesteuert werden. Diese Verflechtung von Banken und Industrie war Kern der so genannten Deutschland AG. Mehr noch: Die deutschen Banken betrachteten ihre Aktienpakete als wertvolles „Tafelsilber“. Seit dem steilen Aufstieg und dem tiefen Fall an den Börsen ist aber klar: Industriebeteiligungen sind ein hohes Risiko für die Bankbilanzen. Mal sind die Aktienpakete Milliarden wert, mal nur noch Millionen. Dann muss ihr Wert berichtigt werden mit allen negativen Folgen für den Gewinn der Banken. CommerzbankChef Müller hat jetzt die Notbremse gezogen. Seine Beteiligungen wertet er so radikal ab, dass im Falle eines Verkaufs eher Sondergewinne statt -verluste gebucht werden können.

Vor allem der Branchenprimus Deutsche Bank mischte fast überall mit: Bei Daimler sitzt die Bank seit rund 80 Jahren im Boot, noch heute hält sie zwölf Prozent an Daimler-Chrysler. Auch Linde zählt zum Portfolio wie Südzucker, Deutz und natürlich der Versicherungskonzern Allianz. Dresdner Bank und Commerzbank sitzen ebenfalls auf vielen Aktienpaketen. Ihre Anteile sind allerdings bedeutend kleiner als die der Deutschen Bank. Und sie haben im Wert viel stärker gelitten, weil sie später und damit teurer zugekauft wurden. Heidelberger Druck, Linde oder MAN, diese Aktien dürften bei der Commerzbank „unter Wasser“ stehen. Nicht nur deshalb drückten sich Bankenvorstände lange davor, ihr Tafelsilber zu verscherbeln. Es brauchte auch viele Jahre, bis sie akzeptiert hatten, dass sie vom Bankgeschäft doch mehr verstehen als von Autos, Druckmaschinen oder Gabelstaplern. fo/ro

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