Wirtschaft : Abschwung nach Plan

Chinas Wirtschaft wächst langsamer. Die Regierung setzt auf Binnennachfrage.

von

Möglich, dass Chinas Wirtschaftspolitiker jetzt noch angestrengter nach Wenzhou blicken. Die Neun-Millionen-Einwohner-Stadt in der Provinz Zhejiang, die für die Geschäftstüchtigkeit ihrer Bewohner bekannt ist, gilt als Schauplatz eines besonderen chinesischen Wirtschaftsexperiments. Nur dort hat die chinesische Regierung das bisher verbotene private Schattenbanksystem legalisiert, das auch an mittlere und kleine Unternehmen Kredite vergibt. Sollte sich das neue System bewähren, könnte es in ganz China übernommen werden. Denn das Reich der Mitte braucht neue Wege.

Die alten scheinen nicht mehr so gut zu funktionieren, wie die jüngsten Zahlen des Nationalen Statistikbüros beweisen. So ist das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal um 8,1 Prozent gestiegen. Was in den meisten anderen Ländern Freude auslösen würde, ist in China ein Grund zur Sorge. Das Wachstum fällt damit so niedrig aus wie seit drei Jahren nicht mehr. Die chinesische Regierung hat für dieses Jahr sogar nur ein Ziel von 7,5 Prozent angesetzt, es wäre das geringste Wachstum seit 1990, dem Jahr nach der gewaltsamen Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung.

Der Sprecher des Nationalen Statistikbüros machte unter anderem den Rückgang der Exporte für das geringere Wachstum verantwortlich. „Die globale Situation im ersten Quartal ist komplex“, sagte Sheng Laiyun, „der Druck auf den Exporten ist enorm“. Vor allem die Ausfuhren ins finanzkrisengeplagte Europa sind zurückgegangen. So stiegen die Auslieferungen der chinesischen Fabriken nur noch um 11,6 Prozent, im Jahr zuvor sind es noch 15,7 Prozent gewesen. Doch auch die Maßnahmen der chinesischen Regierung, die Immobilienblase zu bekämpfen, zeigen Wirkung. Erste kleinere Zementfabriken bekommen keine Aufträge mehr und gehen pleite.

Unmittelbar nach der Veröffentlichung der neuesten Zahlen gab der chinesische Staatsrat eine Erklärung heraus, in der er versprach, „das Feintuning der Wirtschaft in einer angemessenen Art und Weise zu verbessern“. Die Maßnahmen sind bekannt, zum Beispiel setzt China in diesem Jahr vor allem auf das Wachstum im Binnenkonsum. „China befindet sich gerade in dem Steuerungsprozess, die Wirtschaft vom heimischen Konsum abhängiger zu machen und sich nicht mehr nur auf Exporte und Investitionen zu verlassen“, sagte Li Wei, China-Spezialist von der Standard Chartered Bank, gegenüber der „Global Times“.

Einige Experten sind optimistisch, dass das vergangene Quartal eine Ausnahme bleiben könnte. „Das erste Quartal könnte sich als das schwächste für China im gegenwärtigen Abwärtstrend herausstellen, weil sich bereits erste Zeichen der Stabilisierung sowohl auf der heimischen als auch auf der externen Nachfrageseite gezeigt haben“, sagte Xiangfang Ren, Ökonom bei IHS Global Insight, gegenüber der „South China Morning Post“. Ardo Hannson, führender Volkswirt der Weltbank, sieht das ähnlich. „Wir merken, dass sich die zyklische Schwäche fortsetzt, aber die Aussichten auf eine sanfte Landung bleiben gut“, erklärte er. Die Weltbank sagt für China in diesem Jahr ein Wachstum von 8,2 Prozent voraus.

Die nächsten Maßnahmen, um die Wirtschaft anzukurbeln beschreibt der chinesische Staatsrat in seiner Stellungnahme wie folgt: „Es sollten konkrete Anstrengungen unternommen werden, um Monopole aufzubrechen, um Restriktionen beim Marktzugang zu erleichtern, und um die Investitionen im privaten Sektor in Schwung zu bringen.“ Mit letzterem ist Wenzhou gemeint.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben