Wirtschaft : Abwärtsspirale in Südostasien setzt sich fort

MARKUS GÄRTNER

Während sich die Börsen stabilisieren, kriselt die reale Wirtschaft stärker/ Steigende FirmenpleitenVON MARKUS GÄRTNER KUALA LUMPUR.Wenige Tage vor dem Ausbruch der Asienkrise, die am 2.Juli mit der Freigabe von Thailands Baht begann, brach Malaysias Premier Mahathir zu einem zweimonatigen Arbeitsurlaub nach Europa auf.Mahathir wollte auf dem Alten Kontinent seinen "Multimedia Super Corridor" vermarkten, ein südostasiatisches Silicon Valley, das mit einer Ausdehnung von 15 mal 50 Kilometern größer ist als ganz Singapur.Die hochfliegenden Pläne nahm Malaysias Tageszeitung "New Straits Times" zum Anlaß für eine Karikatur.Sie zeigte Mahathir, der als Superman mit Pilotenbrille und Präsentationsköfferchen Richtung Europa durch die Wolken saust und dabei den Jumbo einer europäischen Fluggesellschaft überholt.Der keineswegs verblüffte Pilot in dem Jet sagt zu seinem technischen Offizier lediglich, "schon wieder dieser malaysische Premier". Zehn Monate später ist Malaysias Regierungschef auf den Boden der Realität abgestürzt.Das Wirtschaftswachstum des 22-Millionen-Einwohner-Landes wird laut offiziellen Prognosen von acht auf zwei Prozent in diesem Jahr zurückgehen.Analysten erwarten im schlimmsten Fall sogar eine Rezession.Zweimal schon mußte der Finanzminister die Wachstumsrate für das laufende Jahr nach unten korrigieren.Der Hilferuf an den IWF wird bisher vermieden. Fast wöchentlich werden derzeit zwischen Seoul und Singapur die Wachstumsprognosen nach unten revidiert.Indonesien, Südkorea und Thailand, jene drei "Tigerländer", die von IWF, Weltbank und zahlreichen Geberländern zusammen über 100 Mrd.Dollar Beistandskredite zugesagt bekamen, sind in eine Rezession abgerutscht.In der ganzen Region explodieren Preise und Zinsen.Die Firmenpleiten nehmen rasant zu.Drastisch steigende Einfuhrpreise, wachsende Kreditschulden und einbrechende Nachfrage schnüren den Unternehmen die Luft ab.Doch mit der Zahl der Firmenpleiten wächst der Berg fauler Kredite bei den Banken.Resultat: Die Geldhäuser schrauben ihre Kreditvergabe stark zurück und erhöhen die Rückstellungen.Das entzieht dem Kreislauf noch mehr Geld. Mit anderen Worten: Die Abwärtsspirale, die sich mit den heftigen Währungsturbulenzen im vergangenen Sommer in Gang setzte, wurde noch nicht gestoppt.Während sich die Börsen nach der Panikphase stabilisieren und die Wechselkurse sich erholen, fordert die Krise jetzt in der realen Wirtschaft zunehmend Opfer.Die Misere wird verschärft von einer gravierenden Dürre, die in weiten Teilen der Region die Ernte vernichtet, einen Wassernotstand verursacht und auf einigen Inseln im Osten Indonesiens und im Süden der Philippinen schon zu Hungersnöten geführt hat.Lebensmittelknappheit, himmelstürmende Preise und anhaltende Vetternwirtschaft führten in Indonesien zu zahlreichen Plünderungen, Hamsterkäufen und zuletzt zu öffentlichen Protesten Tausender Studenten. Die Asienkrise ist im Kern eine Vertrauenskrise.Nach Jahren exzessiven Wachstums, das maßgeblich von billigen Auslandskrediten angeheizt wurde, sind gigantische Überkapazitäten entstanden, vor allem im Automobilsektor, im Immobilienbereich und in der Chemie.In Malaysia wuchs das Kreditvolumen in den 90er Jahren mit 30 Prozent pro Jahr viermal so schnell wie die reale Wirtschaft.Im Klartext: Ein Milliardenstrom von Investitionen wurde wenig oder gar nicht rentierlich angelegt.Doch solange die Wachstumsraten hoch waren, bereitete das Mißverhältnis niemandem Sorge.Erst als bekannt wurde, daß es in Thailand 800 000 Wohnungen zuviel gibt, ein Drittel davon in der Hauptstadt Bangkok, da war die Mißwirtschaft mit dem üppig vorhandenen Kapital nicht mehr zu leugnen. Erst ausländische Anleger, dann auch einheimische, trennten sich von ihren Aktien.An den Börsen von Bangkok bis Jakarta kam es zu einem monatelangen Kursrutsch.Die Notierungen brachen um bis zu 70 Prozent ein.Auf dem Papier gingen in der Region über 600 Mrd.verloren.Doch weil Wertpapiere in Asien eine beliebte Anlageform sind und oft auch als Sicherheit für Bankenkredite hinterlegt wurden, haben die Kursverluste von der Börse bis auf die Firmenkassen und Verbraucherportemonnaies durchgeschlagen. Weil sich Fondsmanager und Börsianer aus dem Westen fluchtartig zurückzogen, brachen auch die Wechselkurse der "Tigerwährungen" ein.Indonesiens Rupiah verlor bis Januar gegenüber dem Dollar 80 Prozent, Malaysias Ringgit, Thailands Baht und der koreanische Won zwischen 40 und 70 Prozent.Die Folge: Ein indonesisches Unternehmen mit Dollarschulden im Ausland muß jetzt 70 Prozent mehr Rupien auftreiben als vor einem Jahr, um denselben Kredit zurückzuzahlen.Beim jetzigen Kurs der Rupiah von 8000 zu einem US-Dollar sind fast sämtliche Aktiengesellschaften in dem Land zahlungsunfähig. Indonesien gilt schon seit Ende 1997 als das größte Sorgenkind in der Region.Aus der Wirtschaftskrise ist längst auch eine politische Krise geworden.Präsident Suharto, der geschickt manövriert um die Interessen seiner Familie zu verteidigen, gilt vielen als das eigentliche Problem und nicht als Lösung für die Misere des Landes.Vor wenigen Tagen handelte der Präsident mit dem IWF Zum dritten Mal einen Reformkatalog für das Beistandspaket vom vergangenen Oktober aus.Doch Zweifel an seinem Reformwillen bleiben. Ganz anders stellt sich die Situation in den beiden demokratischen Ländern der Krisenregion dar, in Thailand und Südkorea.Beide Staaten werden von einer neuen Regierung geführt, die sich an die Reformvorgaben des IWF hält und verlorenes Vertrauen bereits zurückgewinnt.Sowohl Südkorea als auch Thailand haben die Beteiligungsgrenzen für ausländische Investoren angehoben, weil eine Erholung ohne ausländisches Kapital nicht möglich ist.In beiden Ländern hat sich die Leistungsbilanz, die vorher tiefrot war, deutlich verbessert.Die Devisenreserven nehmen wieder zu.Doch weitere Pleiten und Rekordverluste von Firmen für das vergangene Jahr lassen keine schnelle Erholung zu.Während Thailand bereits die Rekapitalisierung des Bankensystems vorantreibt und damit guten Erfolg hat, zögert Südkoreas Regierung noch.Der Grund: die starken Gewerkschaften und die Regionalwahlen Anfang Juni.

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