Wirtschaft : Abwandern oder bleiben?: In Brandenburg profitiert nur der Speckgürtel von einer Zuwanderung

Claus-Dieter Steyer

Auf Plattenbauten spezialisierte Abrissunternehmen machen in Brandenburg gute Geschäfte. Schwedt, Eisenhüttenstadt, Guben und einige andere Städte haben sich neben der aufwendigen Sanierung auch zum radikalen Schnitt entschlossen. Durch den Wegzug Tausender Menschen seit der Wende fehlen in vielen einstigen Industrierevieren die Mieter. Schwedt im Nordosten kehrten beispielsweise rund 6000 Menschen den Rücken. Frankfurt (Oder), das zu DDR-Zeiten optimistisch auf die 100 000-Einwohner-Marke Kurs nahm, ist noch für gerademal 72 000 Menschen eine Heimat. Während die spektakulären Sprengungen oder Demontagen von Wohnblöcken das Abwanderungsproblem für jedermann sichtbar machen, vollzieht sich die Veränderung in den ländlichen Gebieten im Norden und Süden eher unauffällig. Dort macht das Wort von der "Vergreisung" der Einwohnerschaft die Runde. Jugendliche suchen Arbeit und ziehen aus der Gegend fort.

Dabei könnte der flüchtige Blick auf die Statistik der Zu- und Abwanderungen für das gesamte Land Brandenburg täuschen. Denn im Unterschied zu den meisten anderen ostdeutschen Bundesländern gibt es seit 1990 in jedem Jahr einen kräftigen Einwohnerzuwachs. Nach Angaben des Landesbetriebes für Datenverarbeitung und Statistik gab es 1999 einen Gewinn von 18 920 Einwohnern. Mehr als 10 000 waren es auch in den Jahren zuvor. Ein Ende dieses Aufwärtstrendes ist nicht abzusehen.

Allerdings konzentrieren sich die Zuzüge auf das Berliner Umland. Über 60 000 waren es im Jahr 1999. 30 000 Menschen zogen weg, vor allem nach Berlin. Andererseits gingen jährlich Zehntausende Berliner in den so genannten Speckgürtel. 1995 vermerkt die Statistik 22 369 Zuzüge, 1999 bereits 38 263 (siehe Grafik).

Zumindest für diese Gruppe spielen wirtschaftliche Motive kaum eine Rolle. Die meisten Abwanderer ins Umland behalten ihre Arbeit in Berlin und pendeln nach Feierabend in die zahlreichen neuen Wohnsiedlungen am Rande der Städte und Dörfer. Diese profitieren von der höheren Einkommenssteuer. Auch Brandenburger - 1999 waren es 8139 - wandern in den Speckgürtel ab. Da es die meisten von ihnen in Einfamilien- und Reihenhäuser zieht, müssen sie zu den Familien mit höherem Einkommen gehören. Wer sich in den neuen Siedlungen umhört, stößt denn auch oft auf Menschen aus den einstigen großen Brandenburger Industrie- und Wissenschaftsregionen.

Von einer überaus großen West-Ost-Bewegung kann deshalb laut Statistik in Brandenburg kaum gesprochen werden. Berlin und dessen Umland liegen in den Zu- und Fortzügen weit vor Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Danach folgen schon Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Vor allem die Gruppe der 25- bis 40-jährigen entschließt sich zum Wohnortwechsel. Die verbreitete Heimatverbundenheit der Brandenburger führt zu einer hohen Pendlerquote. Tägliche Wege zum Arbeitsort von anderthalb bis zwei Stunden sind keine Seltenheit. Die Prignitzer im Nordwesten beispielsweise fahren massenhaft ins benachbarte Niedersachsen, Lausitzer nach Sachsen und Uckermärker bis nach Berlin. Junge Leute gehören jedoch kaum zu den Pendlern. Die 18- bis 25-Jährigen ziehen nach vergeblicher Arbeitsplatzsuche meist gleich in andere Bundesländer.

Die Landesregierung versucht mit ihrem Leitbild von der "dezentralen Konzentration" die ungleiche Entwicklung der Regionen zu beeinflussen. Städte wie Brandenburg, Neuruppin, Eberswalde, Frankfurt (Oder), Cottbus und Luckenwalde/Jüterbog sowie 28 weitere Zentren in berlinfernen Gegenden erhalten eine stärkere wirtschaftliche Förderung als der Speckgürtel. Wirtschaftsinstitute haben in der Vergangenheit mehrfach dieses "Gießkannenprinzip" kritisiert und eine ausschließliche Konzentration der Fördermittel auf das Berliner Umland gefordert. Auf Druck der EU gibt es jetzt keine Unterschiede mehr in der Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen in Berlin und Brandenburg. Die Höchstquote beträgt im Speckgürtel jetzt 38 Prozent, vorher waren es 43 Prozent. In anderen Gebieten erhalten sie nach wie vor mehr Förderung. Doch ein Blick auf die Arbeitslosenstatistik zeigt, dass die Investoren ihre Standortentscheidung von vielen Bedingungen abhängig machen. Je weiter die Regionen von Berlin entfernt sind, desto mehr Menschen sind arbeitslos. Oberspreewald-Lausitz, die Uckermark und Elbe-Elster verlieren dementsprehend auch die meisten Einwohner.

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