Wirtschaft : Abwandern oder Dableiben: In fünf Jahren gibt es keine Arbeitskräfte mehr

Andreas Frost

In Mecklenburg-Vorpommern läuten die Alarmglocken. Der Geburtenknick der Wendezeit und die überdurchschnittliche Abwanderung junger, gut ausgebildeter Frauen drohen den Bevölkerungsschwund der vergangenen zehn Jahre weiter zu potenzieren. Die Einwohnerzahl sank in den vergangenen zehn Jahren von knapp 1,9 Millionen auf 1,8 Millionen. Langfristig rechnen die Demographen mit 1,6 Millionen Einwohnern. Gegenwärtig gibt es noch Lehrstellenmangel und Jugendarbeitslosigkeit, doch wird sich dieser Trend bald umkehren. "Die Versorgung mit jungen Arbeitskräften droht ab 2005 abrupt zusammenzubrechen", warnte der Greifswalder Geographie-Professor Helmut Klüter jüngst auf einer Tagung in Schwerin. Dann aber sind die gut ausgebildeten jungen Männer und Frauen, die für zukunftsfähige Unternehmen gebraucht werden, längst weg.

Besonders für den Ostteil des Landes sieht Klüter eher schwarz. Ganze Siedlungen im ländlichen Raum könnten aufgegeben werden. Das Land drohe in einen stabilisierten Westteil und einen verarmten Ostteil gespalten zu werden. Als Stärken schreibt sich Mecklenburg-Vorpommern derzeit den Tourismus auf die Fahnen. Von 19 Prozent Zuwachs auf über 18 Millionen Übernachtungen geht Wirtschaftsminister Rolf Eggert (SPD) für 2000 aus. Als stabil gilt die Landwirtschaft, die mit ihren aus DDR-Zeiten übernommenen großflächigen Einheiten in Europa inzwischen als konkurrenzfähig gilt. So mancher Lebensmittelverarbeiter hat sich zudem in Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt. Zum Beispiel hat "Pfanni" in Stavenhagen für eine deutliche Senkung der Arbeitlosigkeit gesorgt.

Die Werften in Wismar, Rostock, Stralsund und Wolgast sind nach milliardenschweren Sanierungen seit 1990 angeblich ebenfalls fit für den Weltmarkt. Das verarbeitende Gewerbe insgesamt habe im 3. Quartal 2000 um 19 Prozent zugelegt, ist Eggert zuversichtlich. Allerdings erreicht es damit erst ein Viertel des Volumens von Schleswig-Holstein. Zudem arbeiten inzwischen über 5000 Mecklenburger und Vorpommern in zahlreichen Callcentern, die mit vielen Fördergeldern ins Land gelockt wurden. Die Schwächen des Landes liegen unter anderem in der mangelhaften Infrastruktur. Erst 2005 soll es möglich sein, via Ostsee-Autobahn von Lübeck nach Stettin fahren zu können. Auch die Anbindung gen Süden ist - abgesehen von der Autobahn Rostock-Berlin - eher dürftig. Es gibt zudem zu wenige Selbstständige, sprich Unternehmergeist. Das Land bildet mit einer Selbstständigen-Quote von 7,8 Prozent der Erwerbstätigen mit Bremen zusammen das deutsche Schlusslicht. Ein Mangel herrscht auch an großen Betrieben, die in die jeweilige Region ausstrahlen könnten und Zulieferindustrien nach sich ziehen. Nur neun Unternehmen haben mehr als 1000, nur 83 mehr als 200 Mitarbeiter. Unterdurchschnittlich ist auch der Export der Wirtschaft des Landes entwickelt. Nur rund ein Prozent der ins Ausland gehenden deutschen Waren und Leistungen stammen aus Mecklenburg-Vorpommern.

Einer von vielen Vorschlägen, den nicht nur Geographie-Professor Klüter macht: Die Universitäten in Rostock und Greifswald und die fünf Fachhochschulen des Landes müssen so gestärkt werden, dass sie junge Leute ins Land locken. Das Land setzt zudem auf das im Spätsommer 2000 aus der Taufe gehobene "BioCon Valley Mecklenburg-Vorpommern", in dem zwischen Rostock und Greifswald Wissenschaftler, Unternehmer und Verwaltung in den als zukunftsträchtig geltenden Bereichen Bio-, Gen- und Medizintechnologie zusammenarbeiten sollen. Bislang sind es knapp 80 Betriebe mit gut 1000 Beschäftigten.

Abgeschaut hat sich das Land die Idee in Süd-Skandinavien, wo im "MediCon Valley" bereits 21 000 Jobs entstanden sind. Die Landeshauptstadt Schwerin hofft unterdessen auf den Zuschlag für das von BMW geplante neue Werk. Im Sommer soll die Entscheidung fallen. 2500 Arbeitsplätze und noch einmal so viele im Zulieferbereich wären für die gesamte Region ein großer Coup. Das Wirtschaftsministerium hat Fördergelder in offenbar unbegrenzter Höhe bereitgestellt. Als ein Entwicklungshindernis hat Professor Klüter auch die Verwaltungsstrukturen im Land ausgemacht. Zu viele Oberbürgermeister und Landräte konkurrierten miteinander, statt miteinander um Investoren zu werben. Die bisherige Eigenheimförderpolitik habe außerdem zu viele Einwohner aus den Städten ins Umland gelockt, was den Städten als Anziehungspunkt für junge Leute schade. Andernorts wurden die Speckgürtel-Dörfer einfach eingemeindet. Doch das ist in Mecklenburg-Vorpommern vorerst nicht absehbar.

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