Abzug : Siemens baut um

Der Konzern verlagert 160 Arbeitsplätze nach Tschechien. IG Metall fürchtet Schwächung des Standortes.

Corinna Visser
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Reinemachen. Ein Arbeiter säubert im Siemens-Hochspannungswerk in Berlin eine Maschine. Foto: picture-alliance/ZBZB

Berlin - Der Technologiekonzern Siemens verlagert seine Fertigung von Niederspannungsschaltanlagen von Spandau nach Tschechien. Damit gehen in der Hauptstadt 160 Industriearbeitsplätze verloren. Den betroffenen Mitarbeitern sollen jedoch andere Arbeitsplätze im benachbarten Schaltwerk Hochspannung oder in anderen Berliner Werken angeboten werden, sagte eine Siemens-Sprecherin. Die Verlagerung der Arbeitsplätze soll innerhalb der kommenden 15 Monate abgeschlossen werden. Der Betriebsrat und die IG Metall befürchten eine Schwächung des Berliner Standortes und wollen am heutigen Donnerstag vor der Siemens Hauptverwaltung gegen die geplante Verlagerung protestieren.

Siemens ist in mehr als 190 Regionen der Welt vertreten. Berlin, wo das Unternehmen 1847 gegründet wurde, nimmt dabei eine besondere Stellung ein: Die Stadt ist der weltweit größte Fertigungsstandort des Konzerns. 90 Prozent der Produkte, die hier hergestellt werden, gehen in den Export. Rund 12 500 Mitarbeiter arbeiten in der Stadt Siemens und seine hundertprozentigen Tochtergesellschaften wie etwa Osram. Berlin könne sich jedoch nur als Hightech-Standort im weltweiten Wettbewerb behaupten, die Produkte von hier müssten immer ein bisschen besser sein als anderenorts, wo billiger produziert werden könne, sagte die Siemens-Sprecherin. Das sei aber in den vergangenen 160 Jahren immer gelungen. So entwickelt Siemens hier immer neue Prototypen – wie etwa die weltgrößte Gasturbine oder getriebelose Windkraftanlagen für den Einsatz im offenen Meer. Durch den starken Energiesektor sei Siemens in Berlin gut aufgestellt. „Die Zukunft des Standortes Berlin sind neue Prototypen, neue Entwicklungen, die andere nicht haben“, sagte die Sprecherin. Zugleich seien die Berliner Werke so schlank aufgebaut, „schlanker geht es nicht mehr“.

Das gilt übrigens auch für das Schaltwerk Niederspannung. In dem Werk werden Schaltanlagen produziert, die in größeren Gebäuden wie Fabriken, Kaufhäusern oder Kliniken eingebaut werden. Nach Angaben der IG Metall hat das Werk zuletzt in einem internen Ranking der weltweiten Siemens-Fabriken einen Spitzenplatz erreicht – und dabei auch besser abgeschnitten als das Werk in Tschechien, wo die Produktion nun hin soll. „Für uns ist die Entscheidung nicht nachvollziehbar“, sagte Gewerkschaftssekretärin Irene Schulz. In dem Werk arbeiten insgesamt 220 Mitarbeiter, 195 davon in der Fertigung. Von diesen gehören 160 zur Stammbelegschaft, ihnen sollen neue Stellen in anderen Werken angeboten werden. Die 35 Leiharbeitnehmer im Werk werden aber wohl ihre Arbeit verlieren, befürchtet die IG Metall. Genauso wie 160 Leiharbeitnehmer in den Werken, in denen die dann verlagerten Siemens-Mitarbeiter eine neue Stelle finden sollen. Die 60 Mitarbeiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Schaltwerkes Niederspannung sollen dagegen ihren Arbeitsplatz behalten.

Siemens begründet die Entscheidung zur Verlagerung damit, dass die Nachfrage nach den Produkten aus dem Werk seit zwei Jahren rückläufig sei. Weder die Fabrik in Berlin noch die in Tschechien sei ausgelastet. Seit März wird im Berliner Werk zudem kurz gearbeitet. Langfristig sei der Nachfragerückgang allein mit Kurzarbeit nicht zu bewältigen, sagte die Siemens-Sprecherin.

„Die Niederspannung schreibt schwarze Zahlen“, erwidert dagegen der Betriebsrat. Die Entscheidung mache wirtschaftlich keinen Sinn. „Bisher haben wir kein einziges belastbares Argument für die Verlagerung gehört.“ Man werde sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln für den Erhalt der Fertigung in Berlin einsetzen, kündigte der Betriebsrat an.

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