Wirtschaft : Acht Köpfe – keine Meinung

Der G-8-Gipfel muss den Weg aus der Konjunkturkrise weisen, doch über die richtigen Rezepte herrscht Uneinigkeit

Carsten Brönstrup

Die Aussichten für Gerhard Schröder sind prächtig. 27 Grad, Sonnenschein, nur wenige Wolken vor dem tiefen Blau des Himmels, und vom Wasser her soll eine kühlende, beständige Brise wehen. Evian, das Städtchen am Ufer des Genfer Sees mit dem malerischen Alpenpanorama, lockt den Kanzler mit Kaiserwetter.

Wäre da nur nicht der lästige G-8-Gipfel. Das Treffen der Führer der mächtigsten Industrieländer, das an diesem Sonntag beginnt, dürfte dafür sorgen, dass Schröder die Urlaubslaune bald vergeht. Nicht nur wegen der diplomatischen Verwerfungen zwischen Europa und Amerika. Selten waren die Probleme der Weltwirtschaft drängender, selten waren die Erwartungen an die Regierungschefs größer als vor diesem Treffen. „Von Evian muss ein Signal der Hoffnung ausgehen, etwas, das der Wirtschaft und den Finanzmärkten Zuversicht verleiht“, sagt Gustav Horn, Konjunkturchef beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Schweigen über die Flaute

Seit fast drei Jahren steckt die Weltwirtschaft in der Flaute: Deutschland steht am Rand der Rezession, den europäischen Nachbarn geht es nicht besser. Die USA, sonst Antreiber der Konjunktur auf dem Globus, wachsen für ihre Verhältnisse nur mäßig. Japan gilt mit seiner Dauerkrise als hoffnungsloser Fall. Doch darüber werden die G-8-Staaten, also die USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada und Russland, in ihrer Abschlusserklärung vermutlich schweigen. Zu Unrecht, findet DIW-Mann Horn. „Man kann die Dinge nicht einfach laufen lassen – die Regierungschefs müssen den Ernst der Lage erkennen.“

Ohnehin ist die Krise das einzige, was die drei Wirtschaftsblöcke Europa, Amerika und Japan miteinander verbindet. Zwar stehen die G-8-Länder für zwei Drittel der globalen Wirtschaftsleistung – doch die Mittel, mit denen sie gegen den Abschwung kämpfen, sind höchst unterschiedlich. Die Amerikaner setzen auf einen schwachen Dollar, niedrige Steuern und Zinsen. Die Europäer haben sich dagegen einen Spar- und Stabilitätszwang auferlegt – mit vergleichsweise hohen Zinsen. Japan indes gibt viel Geld aus, hat Zinsen von Null und versucht verzweifelt, den Yen zu stützen. Erfolg ist bislang keiner dieser Methoden beschieden. Eine Erholung zeichnet sich nur verschwommen ab. Fachleute, wie jüngst der Internationale Währungsfonds, warnen sogar vor einer Deflation in Ländern wie Deutschland. Der Dollar, der in den vergangenen zwölf Monaten gegenüber dem Euro 30 Prozent an Wert verloren hat, belastet die Exporte Europas zusätzlich.

Die deutsche Regierung ficht das nicht an. Es gebe „keine Anzeichen für eine Deflation“, sagt Alfred Tacke, Wirtschafts-Staatssekretär und Sherpa des Kanzlers für die G-8-Treffen. Deshalb sei dies auch kein Thema in Evian. Gleiches gelte für den stark gestiegenen Euro. Gemeinsame Aktionen der großen Acht zur Stützung des Dollar seien ausgeschlossen. Verhandelt werden soll in Evian nur über die Irak-Frage, den Kampf gegen den Terror, den Abbau von Marktschranken sowie über Hilfe für Afrika. Aber auch hier dämpft Frankreichs Präsident Jacques Chirac die Erwartungen. „Die G-8-Führer sind nicht der Vorstand der Welt-AG.“

Doch mit Tatenlosigkeit könnte sich der G-8-Gipfel mal wieder selbst in Frage stellen. Den großen Herausforderungen der vergangenen Jahre – den überhitzten Börsen, der Wachstumsschwäche in Europa und Japan, den Finanzkrisen in Asien und Lateinamerika, der Armut – hätten die Gipfeltreffen nichts entgegenzusetzen gehabt, sagt Jeffrey Gartner, Dekan der Yale School of Management. Dafür sorge auch die überbordende Bürokratie des Treffens, das einst 1975 als Kamingespräch begann. In Evian tummeln sich neben den Führern der acht Mitgliedstaaten nicht weniger als 13 Staatschefs von Entwicklungsländern, die Leiter von UN, IWF und Notenbanken sowie das Fußvolk der 2000 Delegationsmitglieder.

Mit diesem Ruf muss der G-8-Gipfel aufräumen, verlangen Experten, und Beschlüsse fassen. Die Europäer sollten signalisieren, dass sie nicht mehr um jeden Preis sparen wollen, sagt Gustav Horn. „Zudem muss es ein Signal an die Devisenmärkte geben: Wenn der Dollar weiter an Wert verliert, werden die G-8 intervenieren.“ In den siebziger und achtziger Jahren hatte es noch eine gemeinsame Wechselkurspolitik gegeben. Und auch die Stützung des Euro 1998 durch die Europäische Zentralbank, als der Wechselkurs unter die Marke von 80-US-Cent zu fallen drohte, sei ein Erfolg gewesen, sagt Horn.

Mammut-Treffen statt Kamingespräch

Doch solche Eingriffe sind nicht unumstritten. „Der grundlegende Markttrend lässt sich damit nicht umdrehen“, sagt Michael Hüther, Chefvolkswirt der Deka-Bank. Früher habe es zudem noch größere Wechselkursschwankungen gegeben. Europa sollte zudem erst einmal seine internen Probleme lösen, fordert Rolf Langhammer, Vizechef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. „Beim Kampf gegen Schwächephasen muss jeder vor seiner eigenen Haustür kehren“, rät er. „Deutschland muss seine strukturellen Defizite in den Griff bekommen – dann lassen sich auch Konjunkturprobleme lösen.“ Zu viel Hoffnung solle man in den Evian-Gipfel ohnehin nicht setzen. Langhammer: „Angesichts der politischen Differenzen dürften die akuten Probleme der Weltwirtschaft wieder nur ein Randthema sein.“

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