Wirtschaft : Acht Millionen neue Arbeitsplätze möglich

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Debis-Chef Klaus Mangold: Schranken für geringer qualifizierte Arbeit müssen abgebaut werdenjhw/uwe

Ein riesiges Beschäftigungspotenzial schlummert unentdeckt in Deutschland. Würden sich die Deutschen genau so um Dienstleistungen kümmern wie die USA, so könnten acht Millionen neuer Stellen entstehen. Das sagte Debis-Chef Klaus Mangold beim Dienstleistungskongress seines Unternehmens in Berlin. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) versprach, die Bundesregierung werde alles tun, um diese Reserve zu erschließen.

Im deutschen Dienstleistungssektor steckt nach Einschätzung von Daimler-Chrysler ein Potenzial von sechs bis acht Millionen zusätzlicher Arbeitsplätze. Diese Größenordnung orientiere sich am Vorbild der USA, sagte der Vorstandsvorsitzende der Konzern-Tochter Debis, Klaus Mangold, am Dienstag in Berlin. Zur Erschließung dieses Job-Potenzials müssten auch einfache Dienstleistungen stärker gefördert und Schranken für geringer qualifizierte Arbeit abgebaut werden. Bislang sei der deutsche Arbeitsmarkt nach unten zementiert, kritisierte Mangold. Die Höhe der Sozialtransfers machten es für Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger in Deutschland unattraktiv, eine schlecht bezahlte Stelle anzunehmen, um wieder ins Berufsleben einzusteigen.

Bundeskanzler Schröder sagte vor den Teilnehmern des Internationalen Debis-Kongresses, die Bundesregierung werde dafür sorgen, dass das Beschäftigungspotenzial auch erschlossen werden könne. Vor allem bei neuen Techniken werde die Bundesregierung alle Anstrengungen unternehmen, um dort Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu erschließen. Allein die Multimedia-Branche könnte bis zum Jahr 2005 rund 150 000 zusätzliche Jobs schaffen, sagte Schröder.

Im Rahmen des Bündnisses für Arbeit sei verabredet worden, innerhalb der kommenden drei Jahre die Zahl der Lehrstellen für High-Tech-Berufe auf 40 000 zu verdreifachen. Schröder kritisierte, dass es zu lange dauere, bis neue Berufsbilder entstehen und Jugendliche sich in neuen Berufen ausbilden lassen können. Zwölf Jahre dauere es heute noch, bis ein neuer Beruf vor den Industrie- und Handelskammern prüffähig wird.

Der designierte Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, sagte, dass sich der Dienstleistungssektor der Zukunft nicht in der Schaffung von "McJobs" erschöpfen werde. Im Zentrum würden qualifizierte Arbeitsplätze stehen. Um aber eine spürbare Entlastung am Arbeitsmarkt zu bewirken, müssten auch der versperrte Markt einfacher Tätigkeiten erschlossen und mehr Anreize geschaffen werden, hier eine Beschäftigung aufzunehmen.

Auch die internationale Dimension der Dienstleistungen waren Thema der Veranstaltung. Dienstleistungen und der Schutz geistigen Eigentums seien ein Hauptaugenmerk der Bundesregierung bei den Verhandlungen der Welthandelsorganisation (WTO). Die nächste Runde beginnt im Herbst im amerikanischen Seattle. Die Bundesregierung will sich dann für eine neue und umfassende Handelsrunde einsetzen. Der neue WTO-Generaldirektor Mike Moore sagte, derzeit liefen die vorbereitenden Verhandlungen. Er kündigte an, dass in den kommenden Monaten eine Minister-Erklärung für den Bereich Dienstleistungen erarbeitet werden soll. Diese Minister-Erklärung werde dann in Seattle verabschiedet - und den Freihandel für geistiges Eigentum, Medien und das Internet garantieren. Moore sagte, er gehe von Fortschritten aus.

Der WTO-Generaldirektor wehrte sich entschieden gegen Regulierungen des elektronischen Handels im Internet. Es gebe keinen Handlungsbedarf für umfassende Regulierungs-Aktivitäten der WTO, sagte er. Das Abkommen zum Dienstleistungshandel GATS (General Agreement on Trade in Services) biete bereits einen ausreichenden gesetzlichen Rahmen. Debis-Chef Mangold forderte Fortschritte bei der Liberalisierung des Dienstleistungshandels. Die Zahl der Teilnehmer am Dienstleistungsabkommen müsse deutlich erhöht, die Zahl länderspezifischer Ausnahmen dagegen auf ein Minimum reduziert werden.

WTO-Generaldirektor Moore plädierte derweil für einen raschen Beitritt Chinas und Russlands zur WTO. "Was für eine Welt vertritt eine Welthandelsorganisation ohne China und Russland?", fragte Moore am Rande des Kongresses. Es wäre wundervoll, wenn China noch vor der WTO-Runde in Seattle Mitglied würde. Doch er betonte, es sei an den Mitgliedern, darüber zu entscheiden. Er habe aber keine Pläne, nach Peking zu fahren.

Zugleich äußerte sich Moore zuversichtlich, dass eines Tages auch Russland Mitglied werde. Doch er verwies auf bestimmte Voraussetzungen, die Russland zuvor zu erfüllen habe.
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