Wirtschaft : Acht ohne Macht

Kommende Woche treffen sich die großen Industrienationen in Schottland – doch ihr Einfluss bröckelt. Trotzdem dürfen die aufstrebenden Länder nur zusehen

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Es war schon immer etwas teurer, einen exklusiven Geschmack zu haben. Wer sich eine Nacht im GleneaglesHotel in Schottland gönnen will, muss dafür 493 Euro zahlen. Für den Classic Room, das günstigste Zimmer, wohlgemerkt. Im Preis inklusive sind allerdings neben feinstem Essen die Benutzung von Türkischem Bad, Golfplatz, drei Pools und einem Sprudelbad. Und ein Chauffeur kutschiert den Gast gratis übers Hochland. Wenn kommenden Donnerstag die Regierungschefs von Deutschland, Russland, Italien, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Japan und den USA zum G-8-Gipfel anreisen, dürften sie mindestens eine Whisky- Suite für 1415 Euro wählen. Angesichts der Gesamtkosten für die Zusammenkunft von schätzungsweise 140 Millionen Euro fällt dies aber kaum ins Gewicht. Der Großteil der Kosten, etwa 80 Millionen Euro, entfällt auf die Sicherheit.

Aber für seine Herzensthemen ist dem britischen Premier Tony Blair nichts zu teuer. Um Hilfe für Afrika und den Klimaschutz soll es gehen, dazu um das teure Öl und die Hedgefonds. Einer gewaltigen Aufmerksamkeit kann sich das Kränzchen der Mächtigen sicher sein. Allein die „Live 8“-Konzerte in zehn Ländern, initiiert vom irischen Musiker Bob Geldof, haben am Samstag Millionen Menschen vor den Fernseher gebannt. Ihr Wunsch: Die Gipfel-Politiker mögen den ärmsten Ländern der Welt weitere Schulden erlassen.

Eine Forderung, der einige tausend Globalisierungskritiker in Schottland noch einmal Nachdruck verleihen wollen. Für sie repräsentieren die acht Politiker, die für 50 Prozent des Welthandels stehen, die Macht des Kapitals. „Die G-8-Länder begünstigen systematisch multinationale Firmen“, kritisiert etwa Frankreichs Attac-Präsident Jacques Nikonoff. Allein: Die Demonstranten können wegen umfangreicher Absperrungen den Tagungsort allenfalls per Fernglas betrachten.

Trotzdem steht das Treffen unter keinem guten Stern. Das liegt vor allem an US-Präsident George W. Bush. Eine Erhöhung der Entwicklungshilfe, wie von Blair angestrebt, haben die USA mehrfach abgelehnt. Noch schlechter sieht es beim Klimaschutz aus. Die Erwärmung der Erde hat für Bush mit dem ausgestoßenen Kohlendioxid nichts zu tun. Dass Gerhard Schröder und Frankreichs Präsident Jacques Chirac vermitteln können, ist unwahrscheinlich. Beide sind Staatslenker auf Abruf und verfügen nicht über den besten Draht nach Washington. Und Tony Blair haftet der Vorwurf an, das Scheitern des EU-Gipfels verschuldet zu haben.

Ökonomen zweifeln ohnehin am Sinn des teuren Treffens. „Dass dort die Weichen gestellt werden für mehr Wachstum und Beschäftigung, ist eine Illusion“, sagt Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Welt- Wirtschafts-Archivs. Wer den armen Ländern helfen wolle, solle erst einmal seine nationalen Zollschranken abbauen, „da machen Gipfel keinen Sinn“. Zudem sitzen in Schottland die Falschen am Tisch, sagt Rolf Langhammer, Vizechef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). „Der Gipfel repräsentiert die Macht von gestern. Italien oder Deutschland gehören nicht mehr zu den einflussreichsten Wirtschaftsnationen.“ Aufstrebende Länder wie China, Indien oder Brasilien hätten zu wenig Einfluss. Die Zeit der Gipfel mit viel Aufwand und wenig Ertrag ist daher vorüber, finden die Ökonomen. Idealerweise bildeten die großen Handelsblöcke Wirtschaftsregierungen, die die komplizierten Detailfragen lösen, empfiehlt Straubhaar. Oder man findet ein neues Gremium für Fragen von Wachstum und Entwicklung – „so etwa wie die WTO“, rät IfW-Experte Langhammer.

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