Wirtschaft : Ackermann ändert Prozess-Taktik

Verteidiger im Mannesmann-Verfahren führen neue Begründung für die umstrittenen Millionenprämien an

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Düsseldorf - Mit einer komplett veränderten Verteidigungsstrategie und mindestens zwölf neuen Zeugen geht der Mannesmann-Prozess ab Oktober in eine neue Runde. Wie das Handelsblatt aus Kreisen der Beteiligten erfuhr, wollen die Verteidiger die Richter nun davon überzeugen, dass die umstrittenen Millionenprämien einen Nutzen für das Unternehmen hatten – und damit Freisprüche für den Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und die Mitangeklagten erreichen.

Der neue Prozess vor dem Landgericht Düsseldorf beginnt am 26. Oktober und wird wohl bis Ende Februar dauern. Endet das bislang spektakulärste Wirtschaftsstrafverfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte mit einer rechtskräftigen Verurteilung, wird Deutsche-Bank- Chef Ackermann zurücktreten. Dies kündigte er bereits vor einigen Monaten an.

In erster Instanz waren Ackermann, der ehemalige Mannesmann-Vorstandsvorsitzende Klaus Esser, der frühere IG-Metall-Chef Klaus Zwickel und drei weitere Angeklagte noch einer Verurteilung des Landgerichts Düsseldorf wegen Untreue beziehungsweise Beihilfe entkommen. Doch der Bundesgerichtshof (BGH) hob die Freisprüche im Dezember vergangenen Jahres auf und verwies das Verfahren zurück ans Landgericht.

Mit der neuen Strategie gehen die Verteidiger auf die Vorgaben und Fragen des BGH ein. Allen voran: Handelte es sich bei den Prämien, die die Mannesmann-Aufsichtsräte Joachim Funk, Ackermann und Zwickel ehemaligen Managern des Konzerns gewährten, um schlichte Geschenke – oder hatten sie einen Gegenwert für das Unternehmen?

Fast 112 Millionen D-Mark sind Anfang 2000 an Führungskräfte und Pensionäre geflossen – unmittelbar nach der Übernahme des Traditionskonzerns Mannesmann durch die britische Mobilfunkgesellschaft Vodafone. Allein Ex- Vorstandschef Esser bekam zusätzlich zu den Ansprüchen aus seinem Vertrag 30 Millionen Mark als Prämie.

Der BGH sah darin Sonderzahlungen, die „für die Mannesmann AG ohne jeden Nutzen waren“. Der Aufsichtsrat habe damit seine Vermögensbetreuungspflicht verletzt, was auf Untreue schließen lässt. Die Verteidiger wollen nun mit Hilfe neuer Zeugen deutlich machen, dass die Prämien durchaus einen Nutzen für das Unternehmen hatten. Sie seien als Anreiz für Klaus Esser gedacht gewesen, damit dieser auch nach der Übernahme von Mannesmann für eine Übergangsphase im Unternehmen verbleibe und weiter an der Verwirklichung seiner Strategie arbeite, heißt es aus Kreisen der an dem Verfahren Beteiligten.

Laut Bundesgerichtshof kann ein Aufsichtsrat Prämien durchaus genehmigen, „wenn dem Unternehmen gleichzeitig Vorteile zufließen“, die Zahlungen also „eine vorteilhafte Anreizwirkung“ hätten. Davon wolle man das Landgericht Düsseldorf nun überzeugen, sagte eine Person, die mit dem Verfahren vertraut ist. Als Zeugen habe man Investmentbanker sowie Vodafone- und Mannesmann-Manager vorgeschlagen, die damals bei Strategiegesprächen dabei gewesen seien und bezeugen könnten, dass Esser auch nach der Übernahme durch Vodafone noch „nützlich und äußerst brauchbar“ gewesen sei.

Sollte das Landgericht bei der Neuauflage des Verfahrens von der Anreizfunktion der Prämien nicht zu überzeugen sein, haben die Verteidiger eine zweite Argumentationslinie in der Hinterhand. Dann müsse man klären, ob Ackermann und Co. freizusprechen oder zumindest milder zu bestrafen sind, weil sie um die Strafbarkeit ihres Verhaltens möglicherweise nicht wussten, verlautete aus dem Umfeld der Verteidigung. HB

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