Wirtschaft : Ackermann ist Geschichte

Er wollte schon länger nicht mehr. Chronik einer Entfremdung

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Frankfurt am Main - Die Karriere von Josef Ackermann (63) nähert sich unerwartet schnell ihrem Ende. Der Vorstandschef der Deutschen Bank wird im Mai nächsten Jahres nicht wie lange geplant in den Aufsichtsrat wechseln. Der Schweizer begründete die Entscheidung am Montag damit, sich nicht ausreichend auf einen Wechsel vorbereiten zu können. Derzeit sei seine „volle Aufmerksamkeit“ als Vorstandsvorsitzender gefragt.

Anstelle Ackermanns wechselt Allianz-Finanzchef Paul Achleitner in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank und übernimmt dort den Vorsitz, Beide haben Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Euro-Krise eng beraten. Von Achleitner stammt das Hebel-Modell, mit Hilfe dessen der Rettungsfonds EFSF mehr als eine Billion Euro mobilisieren soll. Seinen Vorstandsposten bei der Allianz wird Achleitner aufgeben, teilten Deutsche Bank und Allianz mit. Der aktuelle Aufsichtsratschef der Bank, Clemens Börsig, lobte ihn als „hervorragenden Nachfolger“, der „über ausgezeichnete Kenntnisse und umfassende Erfahrungen in der Finanzindustrie sowie über ein exzellentes Urteilsvermögen“ verfüge.

Für Ackermann wählte der Aufsichtsrat dagegen eine formelhafte Anerkennung: Man nehme seine Entscheidung „mit Bedauern und Respekt zur Kenntnis“, hieß es. Einen Zusammenhang mit den Ermittlungen wegen Prozessbetrugs gebe es nicht, heißt es aus der Deutschen Bank. Tatsächlich fehle Zeit, um bei Großaktionären Zweifel am Wechsel in den Aufsichtsrat auszuräumen. Dabei geht es um den Corporate-Governance-Kodex für Unternehmensführung, den auch die Deutsche Bank unterschrieben hat: Danach darf ein Vorstandschef erst zwei Jahre nach seinem Ausscheiden in den Aufsichtsrat seines alten Arbeitgebers wechseln und den Vorsitz übernehmen.

Daher begrüßte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) den Verzicht Ackermanns. „Es ist eigentlich nicht vorgesehen, dass ein Vorstandsvorsitzender direkt in das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden wechselt“, sagte er dem „Handelsblatt“. „Wenn sich die Deutsche Bank jetzt an die Regeln des Corporate Governance Codes hält, kann ich daran nichts kritisieren.“ Ackermann bleibe der Politik als kompetenter Ratgeber erhalten.

Ackermann zeigte sich am Montagabend bei einer Veranstaltung entspannt. „Sehe ich traurig und enttäuscht aus?“ fragte er rhetorisch, um sich lächelnd abzuwenden und mit seinem Vorvorgänger Hilmar Kopper zu plaudern. Der Schweizer hatte schon länger keinen Hehl daraus gemacht, dass es ihn nicht wirklich in den Aufsichtsrat zieht. „Ich habe dieses Amt nicht gesucht, ich stehe niemandem im Weg“, sagte er unlängst im kleinen Kreis. Er habe eigentlich andere Interessen. Die zehn Jahre an der Spitze der Deutschen Bank seien seine beste Zeit gewesen, aber es sei genug. Sollte er im Aufsichtsrat nicht die Mehrheit für den Vorsitz bekommen, habe er auch damit kein Problem. Er hält die Macht deutscher Aufsichtsratschefs ohnehin für zu gering. Befürchtungen, er werde als Aufsichtsrat ins operative Geschäft hineinregieren, hatte er aber zurückgewiesen. „Ich werde meinen Kritikern schon zeigen, dass ich loslassen kann. Mein Golf-Handicap ist noch nicht da, wo es sein sollte“, sagte er.

Das Amt des Vorstandschefs hatte er schon 2009 niederlegen wollen, sich aber zum Weitermachen überreden lassen. Eine Rolle spielte damals der Streit mit Börsig, der sich selbst an die Spitze des Vorstandes hatte bringen wollen. Ackermann wäre lieber früher in seine Schweizer Heimat zurückgegangen, um dort in den Verwaltungsrat des Finanzdienstleisters Zurich Financials einzuziehen, hatte er durchblicken lassen.

Offenbar hat Ackermann schon länger geplant, von der Kandidatur für den Aufsichtsrat zurückzutreten, aber eine klare Nachfolgeregelung präsentieren wollen. Nun wird er möglicherweise schon vor der Hauptversammlung im Mai den Vorstandsvorsitz abgeben. Nach der Jahrespressekonferenz Anfang Februar wolle er das Amt weitgehend an seine beiden Nachfolger Jürgen Fitschen und Anshu Jain abtreten, war aus der Bank zu erfahren. Ackermann tritt im Frühjahr ohnehin auch als Präsident des Weltbankenverbandes IIF ab.

Ackermann war 1996 von der Schweizerischen Kreditanstalt in der Vorstand der Deutschen Bank gewechselt mit dem klaren Ziel, später die Führung zu übernehmen. 2002 wurde er zum Vorstandssprecher berufen. Immer wieder polarisierte er. So sorgte er im Januar 2004 mit dem Victory-Zeichen im Mannesmann-Prozess für Furore, und auch sein Ziel einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent galt Kritikern als unanständig. Sein Ziel, sich in diesem Jahr mit einem Rekordgewinn von zehn Milliarden Euro vor Steuern zu verabschieden, musste er angesichts der Schuldenkrise aufgeben.

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