Wirtschaft : Ackermann macht sich den Weg frei

Graue Eminenz des Deutsche-Bank-Aufsichtsrats, Ullrich Cartellieri, gibt auf – doch die Probleme bleiben

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Frankfurt am Main Deutschlands führendes Geldinstitut, die Deutsche Bank, macht vor allem mit Personalien Schlagzeilen. Kaum hatte Vorstandssprecher Josef Ackermann eine neue Struktur und Aufgabenverteilung verkündete, sickerte tags darauf durch, dass Aufsichtsrat Ullrich Cartellieri Ende Oktober und damit vorzeitig seinen Rückzug antreten will. Das Top-Management des einst angesehensten Geldhauses der Republik scheint in erster Linie mit sich selbst beschäftigt.

Der 67-jährige Cartellieri ist nicht irgendwer, sondern gilt als die graue Eminenz der Bank. Noch ist er eine der dominierenden Figuren im Aufsichtsrat und zählt neben Rolf Breuer zu den altgedienten Bankern des Instituts. Und: Cartellieri wird als Gegenspieler von Ackermann eingestuft. Jetzt hat er offenbar keine Lust mehr, die Politik Ackermanns mitzutragen.

Offiziell herrscht Schweigen. Dabei schien es nach dem Ende des Mannesmann-Prozesses und dem Freispruch für Ackermann so, als ob sich der 56-jährige Schweizer endlich wieder voll der Bank und dem Geschäft widmen könnte. Doch der als Befreiungsschlag gedachte Umbau an der Konzernspitze in der vergangenen Woche – mit der Ernennung des Amerikaners Michael Cohrs und des Inders Anshu Jain als Chef des Investmentbanking und Jürgen Fitschen als neuen Deutschland-Regenten – verfehlte seine Wirkung. Der x-te Umbau des Geldhauses in den vergangenen Jahren und der damit verbundene Strategiewechsel ist wenig überzeugend.

Ackermann gewinnt immer mehr an Macht. Anfang 2002 hatte er gemeinsam mit seinem Mentor Breuer eine neue Führungsstruktur durchgesetzt: Das entscheidende Gremium in der Bank ist nicht mehr der vierköpfige Vorstand, sondern das elfköpfige Group Executive Commitee, in dem der Schweizer die Zügel fest in der Hand hält. Ackermann favorisiert das Investmentbanking, weil hier angeblich das große Geld zu verdienen ist. Die Investmentbanker genießen alle Freiheiten. Das Privatkundengeschäft, dass auch Ackermann vor wenigen Jahren loswerden wollte, liegt ihm mittlerweile besonders am Herzen. Aber es ist zu klein, um zur tragenden Säule zu werden. Übernahmen in Deutschland - Postbank oder Commerzbank - sind schwierig und wegen des damit verbundenen, massiven Personalabbaus politisch heikel. An die großen und ertragreichen Sparkassen kommt Ackermann vorerst nicht heran.

Mit dem Abgang Cartellieris verschwindet ein weiterer Gegenspieler Ackermanns. Weil Cartellieri fürchtet, der Vorstandssprecher könne die Bank aus Deutschland abziehen und in eine Fusion mit einer US-Großbank treiben und weil das deutsche Geschäft zu lange vernachlässigt wurde. Freilich: Selbst der 67jährige Cartellieri hat sich für die Einstellung Ackermanns Mitte der Neunziger Jahre eingesetzt und später nicht gegen dessen Berufung zum Chef der Bank opponiert. Und Cartellieri hat sich früher für das Investmentbanking stark gemacht. Von ihm ist auch nicht bekannt, dass er sich vor Jahren gegen die Vernachlässigung des Privatkundengeschäftes gestemmt hätte. Stattdessen kümmerte sich der 67-jährige eineinhalb Jahre lang als Schatzmeister um die Parteifinanzen der CDU. In Frankfurt am Main jedenfalls halten ihm viele vor, dass er Attacken gegen Ackermann gezielt in der Öffentlichkeit lanciert habe ohne sich offen dazu zu bekennen.

Dabei muss Ackermann zugestanden werden: Die Deutsche Bank schreibt wieder deutliche höhere Gewinne und ist national unangefochten die Nummer eins. International aber kommt Ackermann nicht voran, der Aktienkurs ist schwach, was die Bank billig macht. Sie ist derzeit mehr ein Übernahmekandidat als ein Institut, dass die Konsolidierung der Branche selbst vorantreiben kann. Das Image der Bank ist nach vielen Vorschusslorbeeren zu Ackermanns Amtsantritt im Mai 2002 schwer angekratzt. Der Ruf des Schweizers ist selbst unter Kollegen gesunken: Unter Deutschlands Top-Managern rangiert er nur noch auf Platz 20. So schlecht stand zuletzt nur Hilmar Kopper nach einer unseligen „Peanuts“-Äußerung Mitte der Neunziger Jahre. „Die Deutsche Bank spielt immer mehr in der Klatsch- und Tratsch-Liga“, sagt ein Frankfurter Banker. „Die schaffen es einfach nicht aus dieser Ecke zu kommen.“

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