ADAC : Der Tag der Entscheidung

Am Sonnabend beschließt die Hauptversammlung des ADAC die neue Struktur: Der Verein soll künftig auf drei Säulen stehen.

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Ein großes Haus für einen großes Konzern: Die Zentrale des ADAC in München.
Ein großes Haus für einen großes Konzern: Die Zentrale des ADAC in München.Foto: picture alliance / dpa

Im Hanseatischen Hof in Lübeck steht an diesem Sonnabend eine Zäsur an, die man historisch nennen darf. Der Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC), inzwischen knapp 113 Jahre alt, gibt sich eine neue Struktur. Damit will die Clubführung die jüngste Skandalvergangenheit abschließen, die vor gut zwei Jahren den mit 19 Millionen Mitgliedern größten Verein weit und breit ins Gerede gebracht hatte. Ein mächtiges Mischwesen aus Kommerz und Gemeinnützigkeit war entstanden, in dem getrickst und manipuliert wurde und dessen Führung es sich gut gehen ließ.

Der Konzern hat 9200 Mitarbeiter

Aus dem Verein der Autofahrer hatte sich ein Unternehmen mit mehr als 9000 Beschäftigten, 2,5 Milliarden Euro Umsatz und gut 100 Millionen Euro Jahresgewinn entwickelt. Da drängt sich die Frage auf, ob dieser auf rund zwei Dutzend Geschäftsfeldern kommerziell tätige Konzern überhaupt ein Verein ist – mit den dazugehörenden steuerlichen Privilegien. Das zuständige Registergericht in München, dort hat der aus 18 Regionalclubs bestehende ADAC seine Zentrale, geht dieser Frage nach. Und bevor die Antwort des Gerichts unerfreulich ausfällt für die Autofahrerlobby, haben sich die Chefs gemeinsam mit Beratern eine neue Struktur ausgedacht, über die an diesem Samstag in Lübeck abgestimmt wird.

Die 18 Clubs entsenden 190 Delegierte

Sofern die Mehrheit der 190 Delegierten der Hauptversammlung zustimmt, dann steht der ADAC künftig auf drei Säulen: Dem Verein mit gut 1000 Beschäftigten, einer Stiftung mit etwa 300 Mitarbeitern und einer europäischen Aktiengesellschaft SE, in der gut 7000 Personen Reisen und Finanzprodukte verkaufen, Autos vermieten, Bücher und Ratgeber herausgeben. In der SE landen also alle kommerziellen Aktivitäten; die Stiftung kümmert sich um die Luftrettung und hilft bedürftigen Mitgliedern, die unter Unfallfolgen zu leiden haben.

Die Aktien der SE hält zu 25,1 Prozent die Stiftung, 74,9 Prozent bekommt der Verein. Von diesen 74,9 Prozent können wiederum die 18 Regionalclubs bis zu 24,8 Prozent kaufen. So weit, so gut. August Markl, Radiologe aus Bayern und seit gut zwei Jahren an der Spitze des ADAC, hat das Säulenmodell mit dem Präsidium des Clubs und der Beraterfirma Freshfields entwickelt. Und zwar gegen erhebliche Widerstände in den eigenen Reihen. Vom „letzten Kampf des alten Regimes“ ist im Markl-Lager die Rede. Heute in Lübeck wird die Schlacht entschieden. Zu den Alten gehören prominente Köpfe: An erster Stelle der Ehrenpräsident des ADAC, Otto Flimm. Er droht sogar mit Klage und wirft Markl und seinen Gefolgsleuten vor, die Mitglieder zu belügen und zu täuschen. Flimm ist 86 Jahre alt.

Die Altpräsidenten sind gegen die Reform

Flimms Nachfolger im Präsidentenamt wurde 2001 Peter Meyer. Unter ihm entwickelte sich der ADAC zu einer Geldmaschine. Meyer ließ die 92 Meter hohe Zentrale in München für 325 Millionen Euro bauen. Vor gut zwei Jahren musste Meyer zurücktreten, als Manipulationen um den Gelben Engel, Privatflüge im Rettungshubschrauber und weitere tolle Dinge aus dem lustigen Vereinsleben bekannt wurden. Markl war Vize von Meyer gewesen, man schätzte und duzte sich, wie das in einem Verein so üblich ist. Inzwischen sind die Herren wieder zum Sie übergangen. Mit einem eigenen Gutachten versucht Meyer, der noch immer als Präsident von Nordrhein den größten Regionalclub führt, Markls Säulenmodell zu erschüttern. Das Modell sei schlicht „überflüssig“; der Verein habe keinen Einfluss auf die Stiftung und die wirtschaftlichen Aktivitäten und die Mitglieder verlören den Zugriff auf das Vermögen, kritisiert der Ex-Präsident.

In Berlin-Brandenburg gibt es 1,27 Millionen Mitglieder

Meyer gegen Markl. Die Grundlage zu dem heutigen Duell wurde vor zwei Jahren gelegt, als Meyer gehen musste und das gesamte ADAC-Präsidium zum Rücktritt aufforderte. Vergebens. Markl ersetzte Meyer, und der neue Präsident ließt die neue Struktur entwickeln.

Vor dem Showdown in Lübeck hat Markl die Delegierten durchgezählt, denn wenn die drei Säulen scheitern, dann scheitert auch er. Die Regionalclubs entsenden je nach Größe Delegierte: Für 100 000 Mitglieder gibt es einen Delegierten. Meyer reist aus Nordrhein mit 23 Delegierten an, Berlin-Brandenburg, wo 1,27 Millionen Autofahrer dem ADAC angehören, kommt auf 13 Delegierte. Auch hier war das neue Modell umstritten, doch Manfred Voit, ADAC- Präsident von Berlin-Brandenburg, geht davon aus, dass mindestens sieben seiner Delegierten dafür stimmen. Aus Angst, so das Kalkül der Säulenbefürworter, werde die Mehrheit zustimmen. Aus Angst vor der nächsten Krise, und aus Angst vor dem Verlust des Vereinsstatus.

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