Wirtschaft : Adonai Adenauer

Thomas Lackmann

Mendel ist nicht normal. Er ist Holländer. Wer sein Vater war, interessiert ihn nicht. Mutter und Großeltern sind tot. Er lebt in Vergangenheiten, die nicht seine sind. Er ist labil, narzisstisch. Er war der Klügste seiner Klasse. Anna war die Schönste. Aus adligem Haus. Mendel fühlt sich als Opfer. Anna kommt von der anderen Seite. Liebe zu Anna ist sein letzter Realitätskontakt. Die Erinnerungen überlagern sich. Marcel Möring erzählt von Mendel Adenauer in rythmischer Prosa, mit kühler Poesie. „Sein Kopf war ein See, über den der Wind blies, ohne dass sich das Wasser kräuselte.“ Bleibt Mendel im Sanatorium? Wird er mit Anna schlafen? Er ist Jude, die Generation „danach“. Das Opfersyndrom ist seine intelligente Obsession. Er will nicht, kann nicht sein wie andere. Er weiß nicht, ob Adenauer von Adonai kommt. Adonai heißt Gott. Mendels Leidenschaft ist die Geschichte. „Wer in Einklang mit der Welt geboren wird, ist tot“, sagt er dem Psychiater. Seine Nabelschau geht einem schön auf die Nerven. Dieses Buch liest man schnell, man liest der Hoffnung hinterher, es könnte gut ausgehen. Das Buch ist ziemlich gut. Mendel ist ein Mensch.

Marcel Möring: Mendel. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Luchterhand, München. 222 S., 19 €.

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