Wirtschaft : Adtranz klärt die Führungsfrage

BERLIN (chi).Beim weltweit größten Bahntechnikkonzern Adtranz ist die seit langem ausstehende Entscheidung über die Führungsspitze gefallen: Rolf Eckrodt, Chef der deutschen Adtranz, der nach dem überraschenden Ausscheiden von Konzernchef Kaare Vagner Mitte Oktober auch die Leitung der Holding übernommen hatte, ist in dieser Position nun vom Aufsichtsrat bestätigt worden.Die Entscheidung sei einstimmig gefallen, hieß es.

Die Entscheidung war überfällig.Noch am Freitag hatte Philipp Becker, Erster Bevollmächtiger der IG Metall Oranienburg und Mitglied des Aufsichtsrates der deutschen Adtranz-Tochtergesellschaft, den "untragbaren Zustand" kritisiert, "daß ein Unternehmen, das in erheblichen Restrukturierungsaufgaben steckt, seit Monaten ohne klare Führung vor sich hintrudelt".Gerüchten zufolge waren sich die beiden Anteilseigner - DaimlerChrysler und ABB, die 1996 ihrer Bahntechniksparten zu Adtranz fusioniert hatten, - über die Besetzung des Spitzenpostens nicht einig.Während Vagner von ABB kam, ist der 56jährige Eckrodt, der erst Mitte 1996 die Leitung der deutschen Adtranz-Tochter übernommen hatte und gleichzeitig stellvertretender Holding-Vorstand wurde, ein "Daimler-Mann".Differenzen der Anteilseigner wollte Konzern-Pressesprecher Peter Polzer am Freitag nicht bestätigen."Eckrodt ist von DaimlerChryler wie auch von ABB für diese Position vorgeschlagen worden.Der Aufsichtsrat hat einstimmig entschieden", sagte er dem Tagesspiegel.

Offen sind unterdessen eine Reihe weiterer Fragen.Ob Eckrodt auch Chef der Deutschland-Tochter bleibt und wer die Stellvertreter-Funktion in der Holding übernimmt werde "in Kürze" entschieden, sagte Polzer.Offen aber ist vor allem auch die Frage einer weiteren Kapitalspritze für Adtranz.Zuletzt war spekuliert worden, daß das mit erheblichen Verlusten kämpfende Unternehmen, das bereits 1997 eine Kapitalspritze von 644 Mill.DM erhalten hatte, einen weiteren Zuschuß von bis zu 700 Mill.DM benötigt.Zugleich könnte dies mit einem schrittweisen Rückzug oder gar völligen Ausstieg von ABB aus dem Gemeinschaftsunternehmen verbunden sein.Polzer wies sowohl Rückzugsabsichten von ABB als auch die genannten Zahlen als "reine Spekulation" zurück.Über die Kapitalausstattung von Adtranz werden ebenfalls "in Kürze" entschieden, bei der Aufsichtsratssitzung am Freitag sei dies "nicht Thema" gewesen."Wichtig ist, daß nun Klarheit in der Konzernleitung herrscht", sagte Polzer.

"Die Entscheidung für Rolf Eckrodt ermöglicht die weitere zügige Umsetzung des Restrukturierungsprogrammes bei der Adtranz", sagte Adtranz-Aufsichtsratschef und Daimler-Vorstandsmitglied Eckhard Cordes nach der Sitzung.Eckrodts Aufgabe werde es nun sein, "die wirtschaftliche Situation der Adtranz entscheidend zu verbessern und die gute Marktstellung des Unternehmens zu verteidigen." Das wird nicht einfach.Denn der Schienenfahrzeughersteller mit weltweit rund 23 000 Beschäftigten und Werken in 22 Staaten hat nur im ersten Jahr seines Bestehens, 1996, einen Gewinn von 40 Mill.DM eingefahren.1997 schon wies der Konzern einen Verlust von 380 Mill.DM aus - bei einem Umsatz von 6,5 Mrd.DM -, und auch in diesem Jahr dürfte das Minus kaum darunter liegen.Ende Oktober, anläßlich der Verkehrstechnikmesse "Innotrans" in Berlin, hatte Eckrodt eingeräumt, daß allein die deutsche Tochtergesellschaft, auf die knapp die Hälfte des Konzernumsatzes entfällt, voraussichtlich einen Verlust "in dreistelliger Millionenhöhe" präsentieren werde.Das, so Eckrodt damals, sei "hochgradig unbefriedigend".

Der Sanierungsbedarf ist bei der deutsche Tochtergesellschaft folglich hoch.Im vergangenen Sommer hatte Eckrodt angekündigt, daß in den kommenden Jahren 1440 der noch 7440 Arbeitsplätze in Deutschland gestrichen, das Werk in Pankow geschlossen und das Kostenniveau um gut ein Drittel verbessert werden müsse.Wenig später machten die Pannen des Neigetechnik-Regionalzuges VT 611 deutlich, daß es auch erhebliche Qualitätsprobleme in der Fertigung gibt.IG Metall-Sprecher und Adtranz-Aufsichtsratsmitglied Philipp Becker fordert deshalb "klare Positionsbestimmungen": DaimlerChrysler sollte zumindest die industrielle Führerschaft übernehmen.

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