Wirtschaft : Adtranz-Standort: Belegschaft kämpft um Hennigsdorf

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Während in den Vorstandsetagen des Daimler-Chrysler-Managements die Sektkorken knallten, geriet bei den Adtranz-Arbeitnehmern die Stimmung auf den Nullpunkt. Die Sorge von Betriebsräten und Gewerkschaften gilt der Zukunft des Schienenherstellers. Nach dem Verkauf der Daimler-Bahntochter an den kanadischen Verkehrstechnikkonzern Bombardier ist zur Zeit noch völlig offen, in welcher Größenordnung mögliche Synergieeffekte realisiert werden können. Überschneidungen in der Produktion und Überkapazitäten in einzelnen Werken lassen aber schon heute bei den Arbeitnehmervertretern die Alarmglocken schrillen.

Rückläufige Auftragsbestände bei Adtranz wie bei Bombardier zwingen beide Unternehmen zu umfangreichen Sanierungskonzepten. Insbesondere in Hennigsdorf, dem mit 2540 Beschäftigten größten Adtranz-Standort, rechnet man mit weiteren Einschränkungen. Betriebsratsvorsitzender Michael Wobst am Mittwoch: "Wir fühlen uns von Daimler-Chrysler fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel." Wobst gab aber zu, dass eine Übernahme durch die beiden großen Mitbewerber Siemens oder Alstom noch tiefgreifendere Anpassungsprozesse zur Folge gehabt hätte. Für die Hennigsdorfer ist das jedoch kein Trost.

Seit Gründung von Adtranz 1996 - einem Zusammenschluss der Bahnsparten von AEG und ABB - wurden bereits 1000 Arbeitsplätze abgebaut. Wobst, der auch einen Sitz im Adtranz-Aufsichtsrat hat, fordert nun, dass Gewerkschaften und Betriebsräte in die Strategien und Pläne des neuen Verbundes mit einbezogen werden. Auf einer gemeinsamen Sitzung aller Betriebsräte heute in Frankfurt (Main) soll der Kurs der Arbeitnehmer abgesteckt werden. IG-Metall-Bevollmächtigter Philipp Becker: "Auf jeden Fall werden wir den Standort Hennigsdorf nicht kampflos aufgeben."

Das Unternehmen ist der größte Elektro- und Metallarbeitgeber Brandenburgs. Rund 40 Prozent der Adtranz-Beschäftigten kommen aus Berlin. Jetzt seien die Regierungen beider Länder gefragt, sagte Becker. Es könne nicht länger hingenommen werden, dass neben der bereits belastenden restriktiven Bahnpolitik der Bundesregierung auch noch wichtige Aufträge nach draußen gingen. Bayern und Nordrhein Westfalen machten vor, wie Beschäftigungspotenziale in der Region zu halten seien. Der IG-Metaller wollte nicht ausschließen, dass in Folge weiterer Konzentrationsprozesse bei Adtranz und Bombardier der gesamte Standort Hennigsdorf zur Disposition stehe. "Das wäre eine Katastrophe für die ganze Region", sagte Becker.

Noch aber ist der Zusammenschluss von Adtranz und Bombardier zu dem dann größten Schienenfahrzeugbauer der Welt mit 40 000 Beschäftigten und 10 Milliarden Mark Umsatz nicht perfekt. Vor dem endgültigen Vollzug müssen zunächst die Kartellbehörden ihr Einverständnis signalisieren. Bis dahin bleibt der Daimler-Chrysler-Konzern, der seine seit Jahren defizitäre Bahntochter für 1,5 Milliarden Mark abgeben möchte, für die Geschäftspolitik der Adtranz-Gruppe verantwortlich. Betriebsratsvorsitzender Wobst: "Das kann sich noch über Monate hinziehen". Überschneidungen mit der Bombardier-Produktion sieht er vor allem beim Wagenkastenrohbau, der Endmontage und in der Drehgestellfertigung.

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