Wirtschaft : Ära Flassbeck soll sich nicht fortsetzen

BERLIN (mb/HB).Heiner Flassbeck hat sein Büro in der Königin-Luise-Straße bereits geräumt.Er arbeitet nun in der Graurheindorfer Straße in Bonn, als Staatssekretär unter Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine (SPD).Die Folgen für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sind gravierend: Bis auf weiteres muß das Institut ohne Konjunkturchef auskommen.

Längst war Flassbeck zum Markenzeichen des DIW geworden, ein profilierter Ökonom, der sich der neoliberalen Strömung in der deutschen Wirtschaftswissenschaft entgegenstemmt.Dem Kuratorium des Instituts, einem Aufsichtsgremium würdiger Damen und Herren aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, war dies nicht immer recht.Unabhängig von wissenschaftlichen oder politischen Vorlieben - es sollte schon der Präsident selbst sein, über den das Institut in die Öffentlichkeit wirkt.

Da trifft es sich gut, daß DIW-Präsident Lutz Hoffmann im September nächsten Jahres in den Ruhestand geht.Derzeit wird ein Nachfolger gesucht, die Bewerbungsfrist läuft.Die Namen von 20 allesamt männlichen Kandidaten stehen auf einer Geheimliste; Bewerbungen sind aber weiterhin erwünscht.Der nächste Präsident, der zugleich Ordinarius an einer der drei Berliner Universitäten werden wird, soll fünf Voraussetzungen erfüllen: internationales Renommee, makroökonomische Ausrichtung, Darstellungsvermögen, Organisationstalent und Überparteilichkeit.Der Neue soll das DIW zur führenden Institution unter den deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten machen und zu einem der besten in Europa.Das DIW ist dafür nicht schlecht gerüstet.Seine statistischen Analysen werden geschätzt, das sozio-ökonomische Panel ist ein in Deutschland singuläres Markenzeichen.Mit Sitz in der Hauptstadt und Blick nach Mittel- und Osteuropa, glauben die Berliner, den Kampf mit dem Kieler Institut für Weltwirtschaft aufnehmen zu können.

Daß das DIW bei der Bewertung der Institute durch den Wissenschaftsrat zu Jahresbeginn hinter Kiel als Zweiter durchs Ziel ging, hat man in Berlin mit Genugtuung vermerkt.Wesentlicher Kritikpunkt war die zu starke organisatorische Verästelung in dem Institut und das Eigenleben der 200 Mitarbeiter, darunter etwa 60 Wissenschaftler.Eine neue Satzung soll deshalb dem Präsidenten eine starke Position sichern.

Obwohl die Hoffmann-Nachfolge erst in knapp einem Jahr ansteht, ist man unter Zeitdruck geraten.Es ist kaum vorstellbar, daß die Nachfolge des Konjunkturchefs ohne Teilnahme des neuen Präsidenten entschieden wird.Andererseits kann es sich das DIW nicht leisten, diese zentrale Abteilungsleiterposition längere Zeit vakant zu lassen.

Das DIW gilt als links, weil es der Angebotspolitik kritisch gegenübersteht.An eine Neupositionierung ist nicht gedacht.Im Kuratorium sieht man diese Frage mit erstaunlicher Lässigkeit: Angebotspolitik pur sei nicht erwünscht, Nachfragepolitik pur auch nicht.Aber einmischen in die wirtschaftspolitische Diskussion soll sich der Präsident.Bei so viel Toleranz sollte es nicht schwer fallen, die Positionen neu zu besetzen.

Doch die Zahl der möglichen Kandidaten ist klein.Eine auch international bekannte Koryphäe, die im Zenit ihrer forschenden Laufbahn steht, ohne sich bereits aufs Altenteil vorzubereiten, anderswo nicht unabkömmlich ist und nicht bereits mit einem Spitzengehalt in die Wirtschaft gelockt worden ist: Eine solche Persönlichkeit wird schwer zu finden sein in Deutschland.Daß sich die Suche dennoch lohnen kann, weiß die Konkurrenz in München.Mit Hans-Werner Sinn hat das Ifo-Institut eine verheißungsvolle Wahl getroffen.

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