Wirtschaft : Aérospatiale Matra und Dasa wollen als fusionierter Konzern EADS US-Firmen Paroli bieten

Die Daimler-Chrysler-Tochter Dasa und die französische Aerospatiale-Matra verschmelzen zum drittgrößten Luft- und Raumfahrtunternehmen der Welt. Wie die beiden Unternehmen am Donnerstag bekannt gaben, soll der deutsch-französische Konzern European Aeronautic, Defense and Space Company (EADS) heißen und das bedeutendste Luft- und Raumfahrtunternehmen Europas werden. Der neue Konzern werde mit 89 000 Mitarbeitern 21 Milliarden Euro umsetzen. Ein Personalabbau ist nicht geplant.

An Europas Börsen sorgte die Nachricht über die Großfusion für Turbulenzen: Der Kurs der Daimler-Chrysler-Aktie legte knapp 4,7 Prozent zu. Der Handel mit den Aktien von Aerospatiale-Matra und der Lagardère-Gruppe, die 33 Prozent an Aerospatiale hält, wurde nach starken Kursanstiegen in Paris ausgesetzt. Aerospatiale stiegen um 7,3 Prozent, Lagardère gewannen 7,5 Prozent. In London verloren die Aktien des bislang größten Luftfahrtkonzerns Europas, British Aerospace, fünf Prozent.

Deutsche und Franzosen wollen in den neuen Konzern zudem den spanischen Airbus-Partner Casa integrieren. Bereits heute will Dasa-Chef Manfred Bischoff nach Madrid reisen, um die laufenden Fusionsgespräche zu intensivieren.

Bischoff soll das neue Unternehmen gemeinsam mit dem Großindustriellen Jean-Luc Lagardère führen. Mit Großbritannien finden nach Überzeugung des Luft- und Raumfahrtkoordinators der Bundesregierung Siegmar Mosdorf ebenfalls Gespräche über eine Beteiligung am geplanten Konzern statt. Mosdorf sagte in Berlin, er sei sich sicher, dass es derartige Diskussionen mit British Aerospace gebe. Politische Hindernisse für den geplanten Zusammenschluss der DaimlerChrysler Aerospace (Dasa) und ihrer französischen Konkurrentin Aerospatiale Matra sehe er nicht. Der Umfang der französischen Beteiligung mache ihm keine Probleme, betonte er.

Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp sprach von einem bahnbrechenden industriellen Beitrag zum Zusammenwachsen Europas. In Branchenkreisen hieß es, die Fusion sei ein wichtiger Schritt zur Neuordnung des Airbus-Konsortiums, dessen größte Anteilseigner Dasa und Aerospatiale sind.

Die EADS wird nach den US-Konzernen Boeing und Lockheed Martin weltweit die Nummer drei der Luft- und Raumfahrtbranche sein. Im Einzelnen wird das neue Unternehmen mit seiner Mehrheit am Airbus-Konsortium der zweitgrößte Hersteller von zivilen Flugzeugen in der Welt. Mit Eurocopter wird EADS der weltgrößte Hubschrauberbauer und mit Ariane der Weltmarktführer bei Trägerraketen sein. Zudem sieht sich der neue Luftfahrtriese als "global führender Anbieter bei Satelliten, Militärflugzeugen und Verteidigungstechnik".

Die EADS soll zu 60 Prozent von einer neuen Holding kontrolliert werden, 40 Prozent der Anteile sollen an der Börse notiert werden. Der Börsengang erfolgt mit einer Kapitalerhöhung im ersten Halbjahr 2000. Dann soll der neue Konzern auch den Betrieb aufnehmen. Als Börsenplätze sind Frankfurt und Paris geplant.

An der neuen Holding sollen Daimler-Chrysler sowie die französische Seite je die Hälfte der Anteile halten, Daimler-Chrysler wird damit mit einem Anteil von 30 Prozent größter Anteilseigner. Der Anteil des französischen Staates, der bisher als Hindernis einer Branchenkonsolidierung gegolten hatte, soll auf 15 Prozent sinken. Die restlichen 15 Prozent halten Lagardère und ein französisches Finanzinstitut.

Das komplette Vertragswerk wurde am Nachmittag in Straßburg unterzeichnet. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Frankreichs Premierminister Lionel Jospin kamen in die elsässische Metropole. "Zentrale Funktionen" des neuen Konzerns werden an den Standorten München und Paris wahrgenommen. Der gesellschaftsrechtliche Sitz des neuen Raumfahrtriesen liegt in den Niederlanden. Nach Zustimmung der Kartellbehörden und Aufsichtsgremien soll EADS im ersten Halbjahr 2000 seinen Betrieb aufnehmen.

Ausländische Unternehmen können nach Einschätzung des Stuttgarter Wirtschaftsrechtlers Rainer Kögel mit einem Sitz in den Niederlanden viel Geld sparen. "Holland lockt mit niedrigen Abgaben. Sie richten sich allerdings danach, wie das Unternehmen strukturiert ist", erklärte der Spezialist für Unternehmensrecht von der Stuttgarter Kanzlei Hennerkes am Donnerstag zur angekündigten Verschmelzung von Dasa und Aerospatiale Matra.

Sparmöglichkeiten sieht Kögel insbesondere, wenn die Form einer Holding gewählt wird. "Für ausländische Holdings, die nicht in den Niederlanden tätig sind, aber dort ihren Sitz haben, gibt es eine spezielle Gesetzgebung mit extrem niedrigen Steuersätzen", erklärt er. Diese Regelung halte er im Fall von Dasa und Aerospatiale für sehr realistisch. Wichtig sei auch die Körperschaftssteuer. Sie liege in den Niederlanden bei 35 Prozent, während in Deutschland je nach Unternehmensform 30 bis 40 Prozent berechnet würden. Als EU-Mitglied böten die Niederlande zudem Privilegien in Fragen der Doppelbesteuerung und des grenzüberschreitenden Verkehrs, die den Anteilseignern zugute kämen. Das berge Vorteile gegenüber einem Standort außerhalb der EU. Auch für die Transaktionskosten gebe es EU weit gleiche Bestimmungen. Zugleich sei der Schritt in die Niederlande organisatorisch nicht mit mehr Problemen verbunden als eine Gründung in Deutschland oder in Frankreich.

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