Wirtschaft : Ärzte verordnen zu viele teure Medikamente Arzneireport sieht 4,2 Milliarden Euro Einsparpotenzial

-

Berlin (pet). Durch die Verschreibung kostengünstigerer Medikamente könnten jährlich bis zu 4,2 Milliarden Euro im deutschen Gesundheitssystem eingespart werden, ohne dass die Versorgung leidet. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle „Arzneiverordnungsreport 2002“, der am Montag in Berlin vorgelegt wurde. Danach werden trotz akuter Finanznöte der Krankenkassen noch immer zu viele Medikamente verschrieben, die zu teuer oder medizinisch umstritten sind. Der Report listet einmal pro Jahr Sparpotenziale bei Arzneimitteln auf.

Die steigenden Arzneimittelausgaben und die Kostenbegrenzung im Gesundheitswesen sind eines der wichtigsten Themen der Regierungskoalition für die kommende Legislaturperiode. Allein im vergangenen Jahr stiegen die Ausgaben laut Report um zwei Milliarden Euro auf den Rekordwert von 21,3 Milliarden Euro. Dies war der größte Kostenschub seit 1992. Die Arzneimittelausgaben zählen zu den größten Kostentreibern im Gesundheitswesen: Sie waren Hauptursache des Defizits von 2,8 Milliarden Euro bei den Gesetzlichen Krankenkassen. Bislang ist es nicht gelungen, gegenzusteuern. Eine erneute Anhebung der Kassenbeiträge ab dem kommenden Jahr gilt inzwischen als unausweichlich.

Auch das geplante Arzneisparpaket, dass die Bundesregierung schnüren will, werde den drohenden Beitragsschub nicht mehr verhindern, da es erst im Jahr 2003 greife, sagte AOKVorstandschef Hans Jürgen Ahrens am Montag. Es ersetze eine Gesundheitsreform nicht. SPD und Grüne planen, zu Lasten der Pharmabranche per Vorschaltgesetz 1,4 Milliarden Euro zu sparen. Die Branchenverbände haben Widerstand angemeldet. Ahrens machte auch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) für den Ausgabenschub bei Arzneien verantwortlich. „Es war ein Fehler, das Arzneimittelbudget aufzuheben. Wir haben damals die Politik gewarnt.“

Auch die Herausgeber des Arzneireports, der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe und der Sozialökonom Dieter Paffrath, warfen der Regierung „planloses Agieren“ vor. Die Bundesregierung habe zwar versucht, die Ausgabenwelle durch das Arzneimittel-Begrenzungsgesetz aufzuhalten, die gesetzten Instrumente seien aber nur wenig effektiv gewesen. So sei das Ziel, die Arzneimittelausgaben im Jahr 2002 um 4,7 Prozent zu senken, nicht erreicht worden. Stattdessen seien die Ausgaben im ersten Halbjahr sogar gestiegen, sagte Schwabe.

Der Pharmakologe sieht die Schuld auch bei den Ärzten, die oft teure neue Medikamente ohne erkennbaren Zusatznutzen im Vergleich zu günstigeren Vorgängerpräparaten verordneten. „Ein erheblicher Teil des 2001 eingetretenen Kostenanstiegs ist medizinisch nicht ohne weiteres begründbar“, sagte Schwabe. Auch die Pharmabranche bremse mit ihrer undurchsichtigen Marketing- und Preispolitik Sparversuche immer wieder aus. Um die Kosten einzudämmen, schlägt Schwabe unter anderem die Einführung einer Positivliste und eine prozentuale Zuzahlung bei Medikamenten vor.

0 Kommentare

Neuester Kommentar